Lazare heißt der neue Kommissar von Robert Hültner, und wie bei Lazarus kann man auch in diesem Fall von einer Art Wiedererweckung sprechen. Vor mehr als vier Jahren (ZEIT Nr. 19/13) mussten wir widerwillig akzeptieren, dass der Autor seinen Inspektor Kajetan, der es mehr als 20 Jahre lang mit den Nazis, den Schleimscheißern und Rassisten in der bayerischen Provinz und der Weimarer Republik aufgenommen hatte, aufgab. Jetzt, in Lazare und der tote Mann am Strand, ist er wiederauferstanden. Und wie es bei literarischen Auferstehungen so ist, tritt er in neuer Gestalt, als Commandant de Police der Kripo Montpellier im Süden Frankreichs, in Erscheinung.

Narciso Lazare ist keine Kajetan-Kopie. Sondern seinem Rang als Offizier entsprechend agiert er befehlsgewohnt, patriarchalisch und hierarchiebewusst. Gemeinsam sind beiden die Skepsis, der Anstand und das Einzelgängertum.

Wiederauferstanden ist vor allem auch nach längerer Pause der Romancier. Robert Hültner startet mit Mitte sechzig noch einmal eine Reihe, die alle eminenten Vorzüge seiner Kajetan-Serie zu teilen verspricht. Historische Genauigkeit, Sprachbewusstsein, glänzende Figurenzeichnung, kenntnisreiche Schilderung des Milieus – all dies machte diese Reihe zu einem Höhepunkt deutschsprachiger Kriminalliteratur. Hültners Forschungsbasis war einst das ländliche Leben im Chiemgau. Nun hat er viele Jahre in einem kleinen Cevennendorf verbracht, bis er genügend Kenntnis bäuerlicher Sitten und politischer Kleinteiligkeit angehäuft hatte, um sie in einen Roman verwandeln zu können. Hültner ist kein Tourismus-Promoter wie die unsäglichen Urlaubskrimi-Verfasser à la Bannalec oder Walker.

An gleich drei Fällen muss sich Lazare im Pilotroman die Zähne ausbeißen: am Mord an einem Sinto im Küstenort Sète, an einer Serie von Anschlägen in einem abgelegenen Bergdorf und als Beifang noch an einem Komplott um einen aus Bayern geflüchteten Polizistenmörder. Alles das wird von Hültner kunstvoll undurchschaubar entwickelt – immer aus der beschränkten Perspektive der Protagonisten. Mal aus der einer schlauen Polizisten-Anwärterin, mal aus der eines überforderten deutschen Kripobeamten. Mal ist Jugendliebe am Werk, mal Rassismus, mal Vertuschung von Menschen- und Drogenhandel, zuletzt aber entfaltet sich ein sehr genaues Bild des heutigen Frankreich. Natürlich ist das politisch "links" gefärbt, wie sollte es bei einem Autor wie Hültner anders sein. Aber immer genau, am figürlichen Detail orientiert. So steht einer der Helden, Lazares 90-jähriger Onkel, immer noch aufrecht links wie vormals im Spanischen Bürgerkrieg, ist aber doch von Altersstarrsinn geschwächt. Was man vom quicklebendigen Autor nicht behaupten kann.

Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand. btb, München 2017; 384 S., 20,– €