Der Klassenkampf ruht nicht einmal am Gräberfeld. Drei Dutzend evangelische Friedhofsgärtner in Wien sollen in den Kollektivvertrag für Gärtner aufgenommen werden – weil ihr Arbeitgeber eine vorhergehende Vereinbarung aufgekündigt hat. "Die kriegen wir schon", grummelt Roman Hebenstreit. Der 46-Jährige sitzt tief versunken in seinem Sessel und verkeilt die Finger ineinander. Seit vergangenem Dezember ist der frühere Lokführer Vorsitzender der Verkehrs- und Dienstleistungsgewerkschaft Vida, einer der sieben Teilorganisationen des ÖGB. Die Friedhofsgärtner hat er zur Chefsache erklärt. "Manche würden sagen, wegen nicht einmal 40 Arbeitern brauche man sich doch nichts antun", meint er. Die Gewerkschaftsbewegung sei aber dazu da, Solidarität zu organisieren, und zwar unter allen, das habe man lange vernachlässigt. "Es ist mir wurscht, wie wenige das sind", sagt er und schiebt noch ein paar Kraftausdrücke nach. Er klingt, als wolle er gleich zur Revolution aufrufen.

Der österreichischen Gewerkschaftsbewegung geht es nicht gut. Zwar sind die Funktionäre gerade in der SPÖ noch immer mächtig, doch die Mitgliederzahlen gingen drei Jahrzehnte lang zurück. Entwicklungen am Arbeitsmarkt wurden verschlafen, das Prekariat, Scheinselbstständigkeit und Einpersonenunternehmen links liegen gelassen. Das typische ÖGB-Mitglied ist männlich, weit über 40 Jahre alt und fest angestellt. Viele, die es nötig hätten, wurden nicht mehr vertreten. Man suhlte sich in den Strukturen, die dem Machterhalt dienten. Nach außen wirkt der Gewerkschaftsbund wie ein Verein der Besitzstandswahrer für eine saturierte Kernklientel.

Wenn Roman Hebenstreit das hört, kratzt er mit den Nägeln an den Sessellehnen, als könne er es gar nicht erwarten loszulegen. "Wir sind im dauerhaften Kampf, unsere Durchsetzungskraft zu erhalten", sagt er dann, es sprudelt förmlich aus ihm heraus: "In Wien haben fast die Hälfte der Arbeitnehmer migrantischen Hintergrund. Weder in der Mitglieder- noch in der Funktionärsstruktur des ÖGB wird das abgebildet. Dasselbe gilt für Frauen. Wir bilden die Gesellschaft nicht mehr ab. Wenn wir so weitermachen, reduziert sich die Gewerkschaftsbewegung auf ein immer stärker schrumpfendes Segment."

Roman Hebenstreit gehört zu einer neuen Generation von Gewerkschaftern, in vielem entspricht er nicht den Klischees eines Funktionärs: Er ist schlank und sportlich, rhetorisch versiert und nimmt wenig Rücksicht auf alte Gepflogenheiten. Lautstark mischt er sich ein, immer mit spitzbübischem Blick, weißem Hemd und säuberlich geordneter Frisur. Er teilt in alle Richtungen aus, duelliert sich in Interviews mit Touristikern und wettert gegen die Arbeitszeitflexibilisierung. "Diese verlogene Debatte", schimpft er, "das hat nichts mit Flexibilisierung zu tun, das ist Lohnraub." Dem früheren Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner drohte er gar mit einer Anzeige wegen Amtsmissbrauchs, weil der sich auf die Seite einer Wiener Beauty-Salon-Besitzerin schlug, die sich über das Arbeitsinspektorat beschwerte.

"Mikrofonlutscher" werden Gewerkschafter, die offensiv den medialen Auftritt suchen, von manchen Genossen hinter vorgehaltener Hand genannt. Doch Dinge nur still und heimlich in der Zigarrenrunde des ÖGB auszubaldowern ist Hebenstreit zu wenig. Er will die Auseinandersetzungen öffentlich führen.

Hebenstreit möchte den ÖGB auf den Kopf stellen. Es brauche eine starke Dachorganisation, sagt er, ein kräftiges Sprachrohr und darunter die Fachbereiche. Man müsse auf Entwicklungen reagieren können und gewachsene Strukturen angreifen. "Krankenpflegerinnen werden derzeit von vier Teilgewerkschaften vertreten, das kann man doch keinem erklären", sagt er und wirft die Hände verächtlich in die Höhe. Es gehörten Strategien entwickelt, wie Menschen organisiert werden könnten, die nur schwer greifbar seien: "Wie erreichen wir die Erntehelfer, die selbstständigen Lkw-Fahrer oder die Arbeitsnomaden der Sharing-Economy? Diesen Fragen müssen wir uns stellen." Was lapidar klingt, ist eine Kampfansage. Es wäre eine völlig neue Gewerkschaft.

Wer sich im ÖGB umhört, der bekommt zwei Meinungen über Hebenstreit zu Ohr: Die einen werfen ihm vor, ein Wichtigtuer zu sein, die anderen singen Lobeshymnen auf ihn. Diese zweite Gruppe wächst. Er hat mittlerweile eine beachtliche Zahl loyaler Verbündeter um sich geschart, viele Steirer, viele Lokführer.

Aufgewachsen ist Roman Hebenstreit mit einer jüngeren Schwester in der Oststeiermark, in der Nähe von Riegersburg. Der Vater war ÖBB-Schichtarbeiter und die meiste Zeit weg von zu Hause, die Mutter arbeitete in einer Schuhfabrik. Die ersten Jahre lebte Hebenstreit auf dem Bauernhof der Großeltern, half im Stall, fuhr als Sechsjähriger mit dem Traktor das Scheunentor nieder und begeisterte sich für die Superhelden des Marvel-Universums – lange Jahre zeichnete er auch selbst Comics. Nach der Schule begann er eine Lehre als Maschinenschlosser bei der ÖBB in Graz und gründete eine SPÖ Jugendgruppe in seiner Gemeinde. Der junge Lehrling wollte den Neonazis aus dem Umfeld von Gottfried Küssel etwas entgegensetzen, die sich in den achtziger Jahren in seiner Heimatregion herumtrieben. Er organisierte Veranstaltungen, antifaschistische Bildungsarbeit und geriet in Schlägereien mit den Rechten.