Zwischen dem Schanzenviertel und St. Pauli, mitten in einem Wohngebiet, das Investoren träumen und Mieten steigen lässt, steht die Schilleroper. Ein 126 Jahre alter Rundbau, eine Ruine inzwischen, deren Stahlskelett seit 2012 als Denkmal geschützt wird.

Eine Infotafel zur Geschichte gibt es an diesem Ort nicht, nur Hinweisschilder: Betreten verboten. Vorsicht, Einsturzgefahr. Hamburg hat nicht den Ruf einer Stadt, die sich sonderlich schert um ihre historische Substanz. Nur zehn Prozent aller Hamburger Gebäude sind älter als 100 Jahre.

Die zentrale Frage ist: Will sich die Stadt ein Bauwerk leisten, das keine Rendite bringt, sondern allenfalls einen ideellen Mehrwert bereithält, weil es von der Geschichte eines Viertels erzählt? Oder soll neu gebaut werden, effektiv und energieeffizient, um dem Anspruch einer modernen und stetig wachsenden Metropole gerecht zu werden? Diese Kontroverse betrifft die Schilleroper in St. Pauli wie nur wenige Bauten in Hamburg.

Das Gebäude ist einmalig in Europa, nirgendwo sonst ist ein Zirkusbau in kompletter Stahlskelett-Bauweise erhalten.

Die aktuelle Besitzerin des Areals, eine Hamburgerin, die anonym bleiben möchte, hat nun ihre Pläne vorstellen lassen: Auf einer Infoveranstaltung präsentierte der Leiter des Bezirksamtes Hamburg-Mitte, Falko Droßmann (SPD), in der vergangenen Woche ein Abriss- und Neubaukonzept. In Anlehnung an den alten Zirkusbau, der die Oper ursprünglich einmal war, eine zwölfeckige Rotunde in der Mitte des Grundstücks, soll ein rundes Klinkergebäude entstehen, mit überdachtem Innenhof als "Ort der Begegnung" und Platz für Architekturbüros, Ateliers und Einzelhandelsgeschäfte. Dazu zwei Wohntürme, in einem sind auch Sozialwohnungen vorgesehen.

http://www.zeit.de/2017/20/denkmalschutz-hamburg-senat-fabrikhallen-abriss

Zirkus, Asylbewerberheim, Club – die Oper erzählt die Geschichte des Viertels

Seit Jahrzehnten ringen Vertreter der Stadt mit wechselnden Eigentümern um die Nutzung und Neugestaltung des bröckelnden Operngebäudes. Mal sollte das Konzerthaus modernisiert werden, mal gab es Vorschläge, das Gebäude abzureißen und an anderer Stelle wieder zu errichten. Auf dem dann freien Grundstück sollte einmal Wohn- und Gewerberaum entstehen, dann wiederum war eine Grünfläche geplant.

"Im Grunde genommen wird seit 1899 um die Nutzung verhandelt", sagt die Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Anke Rees, die sich in ihrer Dissertation mit der Geschichte der Schilleroper befasst hat. "Das liegt daran, dass die Vorstellungen der Behörden, der Politik und der Eigentümer davon, was dort geschehen soll, nie zusammengepasst haben."