Frage: Frau Smetana, Sie waren 2015 für neun Wochen wegen einer Überlastungsdepression in einer Klinik.Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Hilfe brauchen?

Magdalena Smetana: Ich wollte die Krankheit zuerst nicht wahrhaben. Das wird schon wieder, dachte ich. Mit Vitamin B oder C. Dann kam eine Lungenentzündung. Erst habe ich mich nur von Montag bis Freitag krankschreiben lassen, mehrmals hintereinander, damit ich am Sonntag den Gottesdienst machen kann. Das hat mir ein Arzt dann verboten. Ich musste Gottesdienste abgeben. An einem Sonntagmorgen stand ich im Pfarrhaus am Fenster, sah gegenüber die Kirche und dachte: Ich kann nicht mehr. Mir wurde klar, dass hinter meiner Erschöpfung mehr steckt als eine Lungenentzündung.

Frage: Was war der Grund für Ihre Erschöpfung?

Smetana: Es fiel mir schwer, zwischen Arbeit und Freizeit zu trennen. Ich wohne im Pfarrhaus, direkt neben der Kirche, und lebe in einem kleinen Dorf. Wenn ich mit dem Hund laufen gehe oder beim Metzger gegenüber Wurst kaufe, kommt eigentlich immer jemand und fragt: Ich möchte mein Kind taufen, wann wäre das denn möglich? Dann stehe ich da in Jogginghose oder Hausschuhen und denke: Mist, ich habe meinen Kalender nicht dabei. Wahrscheinlich müsste ich mich im Pfarrhaus einschließen oder immer, wenn ich frei habe, wegfahren. Aber das geht nicht. Ich kann die Leute ja nicht ignorieren, wenn sie vorbeilaufen oder mich ansprechen. Ich war rund um die Uhr verfügbar, ohne Pause. Besonders Beerdigungen fielen mir schwer in dieser Zeit. Und es waren so viele! Bei der siebten innerhalb weniger Tage habe ich dann endlich bei einem Kollegen angerufen und gesagt: Kannst du bitte?

Frage: Ist der Burn-out in Ihrem Beruf zwingend?

Smetana: Ich kenne zumindest sehr viele, die betroffen sind. Natürlich ist dieser Beruf nicht nur irgendein Bürojob, bei dem man abends den Computer ausmacht und nach Hause geht. Früher musste die ganze Familie mithelfen, Pfarrer konnten bestimmte Aufgaben an ihre Frauen abgeben. Das ist heute nicht mehr so. Ich bin auch längst nicht mehr nur Seelsorgerin in der Gemeinde, sondern auch Managerin, Bauleiterin, Personalreferentin und Grafikerin. Zudem bin ich sehr aktiv und extrovertiert. Bei meiner Einsetzung hat die Dekanin schon zur Gemeinde gesagt: Passen Sie auf Ihre Pfarrerin auf, die ist gefährdet. Damals dachte ich: Wie kann sie so etwas sagen? Aber sie hat offenbar schon geahnt, was auf mich zukommt. Die Arbeit macht mir eben großen Spaß. Und wenn ich merke, dass die Gottesdienste gut besucht werden, motiviert mich das natürlich, mehr zu machen. Das ist die Gefahr.

Frage: Und wer hat auf Sie aufgepasst?

Smetana: Ich wollte nicht, dass jemand auf mich aufpasst. Die Gemeinde konnte nicht mein Halt sein, es war doch meine Aufgabe, ihr Halt zu sein. Einige Gemeindemitglieder haben mich natürlich sehr umsorgt. Immer wieder klingelte jemand an der Tür und brachte einen Korb mit Gemüse oder Plätzchen. Aber ich weiß durch meine Tätigkeit ja auch, dass die alle selbst ihr Päckchen zu tragen haben. Da wollte ich niemanden mit meinen Problemen belasten. Ich bin wirklich bis zum Anschlag gegangen. Erst dann habe ich mich zurückgezogen. Das hat vor allem meine Familie sehr belastet.

Frage: Als Sie sich selbst kaum noch helfen konnten, war es da noch möglich, anderen beizustehen?

Smetana: Von der Kanzel zur Gemeinde zu sprechen ging noch. Der Talar war wie eine schützende Uniform für mich. Da war ich in meiner Rolle, geweint habe ich dann heimlich. Die Seelsorgegespräche fielen mir schwerer. Irgendwann habe ich es mit einem Jackett oder einem Anzug versucht, um mich professioneller zu fühlen, mit mehr Distanz. Sonst mache ich diese Gespräche in Jeans und T-Shirt. Aber eigentlich hätte ich bei jedem Gespräch losweinen können. Gerade auch bei Beerdigungen, die in diesem Herbst gehäuft vorkamen. Die Trauer der Angehörigen war für mich fast nicht auszuhalten.

Frage: Dabei sind Sie doch Seelsorgerin und haben alle Methoden zur Hand. Sich selbst aber konnten Sie nicht helfen?

Smetana: Man weiß natürlich in der Theorie, was hilft. Aber ist man einmal drin im Hamsterrad, braucht es jemanden von außen, der es anhält. Ich wusste natürlich, dass es mir besser geht, wenn ich mit dem Hund spazieren gehe oder bete. Aber ich war wie gefangen in meinen Abläufen, war trotz allem spätabends im Büro. Da hatte selbst Gott kaum noch Platz.

Frage: Ist seine Kraft versiegt?

Smetana: Ich habe ihn vernachlässigt, er mich nicht. Der Kontakt ist nie abgebrochen, aber Zeit für Gott habe ich mir kaum noch genommen. Oft bin ich abends beim Beten einfach eingeschlafen, weil ich so fertig war. Kam ich doch mal zur Ruhe, war die Müdigkeit schneller als Gott.

Frage: Ist Gott verantwortlich für Ihre Depression?

Smetana: Nein, das glaube ich nicht. Die habe ich mir ganz mühsam selbst erarbeitet. Da kann ich ihm keinen Vorwurf machen. Das ist mein eigener Ehrgeiz und Perfektionismus gewesen, alles zu 100 Prozent machen zu wollen, wenn 80 Prozent auch genug wären. Und dann hat es halt geknallt. Eine Freundin hat damals gefragt: Wo ist denn jetzt dein Gott, wo du im Eimer bist? Da habe ich ihr gesagt: Wenn ich Gott nicht hätte, dann wäre es mit mir vorbei. Ich hätte es nicht gepackt, ohne zu fühlen: Da trägt mich einer.

Frage: Das klingt alles so vernünftig – musste Gott sich gar keine Vorwürfe oder Wut von Ihnen anhören?

Smetana: Doch, ich war zwischendurch auch mal ganz schön sauer auf ihn. Wir pflegen keine Friede-Freude-Eierkuchen-Beziehung. Manchmal habe ich lange gehadert, vor allem als ein Jahr vorher meine Schwester überraschend gestorben ist und meine Eltern fast zeitgleich pflegebedürftig wurden. Da denkst du dir dann: Auf dem Wasser kann er laufen, aber meiner Familie kann er nicht helfen. Doch wenn ich mir jetzt nur noch Gedanken über die dunkle Seite Gottes mache, werde ich direkt wieder depressiv.

Frage: Was hat Ihnen am Ende geholfen?

Smetana: Eigentlich wusste ich, was zu tun ist. Man liest ja viel über Burn-out. Ändere die Situation oder das Umfeld, sagen die Experten. Ich habe lange alles dafür getan, um genau das zu vermeiden. Aber irgendwann, als ich schon fast keine Kraft mehr hatte, musste ich mich fragen: Wo gehe ich jetzt hin, was mache ich jetzt? Die Ärzte waren mir keine Hilfe. Sie wussten auch nicht, wohin mit mir. Also habe ich mich selbst bei einer Klinik angemeldet und die Überweisungen dafür zusammengesammelt. In der Klinik traf ich zwar zwei Kollegen aus anderen Landeskirchen, aber meine Therapeutin hatte glücklicherweise nichts mit der Kirche am Hut. Ich musste einfach mal aus diesen Strukturen ausbrechen. Sie war mir eine große Hilfe. Danach habe ich einen Leitfaden verfasst, wie ich vorgegangen bin. Andere in meiner Lage sollen es einfacher haben als ich.

Frage: Sie sind nach Ihrem Aufenthalt in der Klinik wieder in Ihre Gemeinde zurückgekehrt, haben also weder Situation noch Umfeld verändert. Entgegen der Empfehlung. Warum?

Smetana: Ein Ortswechsel wäre eine zu große Herausforderung geworden. Ich bin wahnsinnig gerne hier. Meine Aufgaben hier sind noch nicht erledigt. Die Landeskirche hat mir anfangs erlaubt, weniger Stunden zu arbeiten. Das hat mir geholfen, wieder Fuß zu fassen. Einzuüben, was ich eigentlich auch schon vor meiner Krankheit wusste, bleibt schwer. Ich muss mir Zeit für Privates freihalten. Ein freies Wochenende darf nicht dafür herhalten, liegen gebliebene Arbeit zu erledigen. Aber jetzt versuche ich mir zu sagen: Das wird schon irgendwie. Seit ich zurück bin, vertrauen sich mir tatsächlich noch mehr Menschen an und erzählen von ihren schwachen Momenten – vor allem Männer, die noch nie darüber gesprochen haben. Jetzt ist da jemand, der sie versteht.