Dieser Roman lässt den Leser schwindelig zurück. Was war das, fragt man sich, ein Traum? Es sind nicht einmal 24 Stunden, aber in denen spielen Zufall und Schicksal verrückt, manipulieren mit unverschämter Lust die Verschlingungen des Lebens und unterlaufen respektlos gewöhnliche Erwartungen. Ein Tag in New York City, der nach fast vierhundert Seiten endet. Ein langer Tag!

Erlebt wird er von Daniel, einem 17-jährigen gut aussehenden Koreaner, der schwer hadert mit seiner Familie, besonders dem älteren Bruder und dem Vater, Besitzer eines Afroshops, dessen beredtes Schweigen er fürchtet. Daniel geht früh aus dem Haus an diesem Tag. Er muss zum Friseur und anschließend zu einem ehemaligen Yale-Absolventen, um sich eine Empfehlung für die eigene Bewerbung an der Elite-Uni zu holen. Auf dem Weg dorthin trifft er Natasha, die äußerst wütend und verzweifelt ist. Sie und ihre Familie leben seit Jahren ohne Aufenthaltserlaubnis in den USA, was durch einen dummen Fehler des Vaters aufgeflogen ist. Noch am Abend soll die Familie abgeschoben werden. Deshalb geht auch Natasha früh aus dem Haus, um bei der Einwanderungsbehörde einen letzten Versuch zu unternehmen, die Ausweisung abzuwenden.

Dass die Wege zweier Jugendlicher sich in einem Plattenladen namens Second Coming Records kreuzen, ist durchaus vorstellbar. Und dass Daniel Natashas gigantischen Afro und ihre patzige Art äußerst reizvoll findet, während sie versucht, ihre Gefühle hinter sachlich kalten Fakten zu verbergen, auch das wäre nicht weiter aufregend. Was den Drive dieser irrsinnigen Geschichte ausmacht, sind die Wucht der Zufälle, die temporeiche Zuspitzung der Ereignisse, das haarsträubende Ineinandergreifen innerer und äußerer Gewalten und nicht zuletzt die Dialoge zweier Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Natasha, die nüchterne Nihilistin und Anhängerin der Wissenschaft, glaubt nicht an die Liebe, weil die "nur vorübergehend und nicht messbar ist, eine Mischung aus Hormonen und Zufall". Daniel, der hoffnungslose Romantiker und Gedichte-Schreiber, lässt sich davon nicht beirren und stellt bewundernd fest, wie "leidenschaftlich sie das Leidenschaftslose verteidigt". So nähern sich die beiden trotz aller Gegensätze unaufhaltsam an, und die anfänglichen Sticheleien weichen wachsenden Gefühlen und der niederschmetternden Erkenntnis, dass etwas vorbei sein könnte, bevor es beginnt.

Das Debüt Du neben mir – und zwischen uns die ganze Welt der 1972 auf Jamaika geborenen und in Los Angeles lebenden Nicola Yoon läuft derzeit in den Kinos. Mit The Sun Is Also a Star – Ein einziger Tag für die Liebe legt die bekennende Romantikerin nun eine weitere Liebesgeschichte vor. Eine, bei der sie leicht in die Kitschfalle hätte tappen können, es aber an keiner Stelle tut – dank einer literarischen Volte, der geschickten Konstruktion dieses Romans.

Zwischen den abwechselnd Natasha und Daniel gewidmeten Kapiteln nämlich sind eingestreut Episoden und Exkurse: über die Liebe und ihre Geschichte aus chemischer Sicht (Einfluss von Botenstoffen auf die Phasen Lust, Anziehung und Bindung), über Haare aus afroamerikanischer und koreanisch-amerikanischer Sicht (samt Erklärung der Vorherrschaft Südkoreas auf dem Perückenmarkt), über Augen (und die Frage, wie es von Augen als Überlebensmechanismus zur Vorstellung von der Liebe auf den ersten Blick kommen konnte), über das Schicksal als solches (mit kleinem Abstecher in die griechische Mythologie) und über scheinbar unbedeutende Nebenfiguren (wie etwa die lebensmüde Irene, Sicherheitsbeamtin in der Einwanderungsbehörde, deren Leben an diesem Tag eine wundersame Wende nimmt).

Doch die Sekunden, Minuten und Stunden verrinnen, und sosehr Natasha und Daniel sich mühen, die Zeit zu dehnen und sich in- und miteinander zu verlieren, irgendwann ist der Abend da – und die Abschiebung von Natashas Familie wird nicht ausgesetzt. Wäre da nicht der Epilog, in dem Nicola Yoon den letzten Funken des Zufalls in diesem quietschbunten Potpourri in der Luft explodieren lässt, wäre man tieftraurig und einmal mehr von der Ungerechtigkeit des Lebens enttäuscht. So aber denkt man wehmütig-frohgestimmt an Natasha, die nur einmal in diesem modernen Märchen Rationalität und Wissenschaft vergisst und sich an ein Gedicht von Emily Dickinson erinnert: Hoffnung ist das Federding.

Nicola Yoon: The Sun Is Also a Star. Deutsch von Susanne Klein; Dressler Verlag 2017; 396 S., 19,99 €