Wie erkennt man einen Massenmörder, bevor er Schreckliches anrichtet? Diese Frage stellt sich Karl Javorszky nahezu jeden Tag. Hastig klopft der Psychologe in die Tastatur, druckt Rezepte aus, empfängt Patienten. In seiner vollgeräumten Praxis im ersten Wiener Bezirk entscheidet der 68-Jährige, wer eine Waffe besitzen darf und wer nicht.

Seit ein paar Jahren hat Javorszky viel zu tun, denn Österreich rüstet auf. Fast 290.000 Waffenbesitzer gab es 2016 laut Zentralem Waffenregister – das sind 23.000 Personen mehr als im Jahr zuvor. Doch während sich die Österreicher mit Pistolen und Revolvern eindecken, geraten die Gutachter in Verruf. Die Hürde, an halb automatische Schusswaffen zu kommen, sei zu niedrig, die Tests dürfen beliebig oft wiederholt werden, und etwa 90 Prozent der Bewerber erhielten ohnehin ein positives Gutachten: So lauten die Bedenken, die teilweise von den Psychologen selber kommen.

"Gutachter zu sein ist nicht ganz frei von Risiken", sagt Javorszky. Der Psychologe, der nebenbei mathematische Fachaufsätze schreibt, ist seit 20 Jahren in diesem Metier tätig, bis zu acht Tests bei angehenden Waffenbesitzern führt er pro Woche durch. "Man muss sich schon sehr sicher sein, dass man gefährliche Individuen als solche erkennt, und zwar fehlerfrei", sagt er.

Mehr als 200 österreichische Psychologen haben die Zulassung zum waffenpsychologischen Gutachter, 66 davon in Wien. Anfängern ist der Job untersagt. Um diese Arbeit ausführen zu dürfen, braucht es mindestens fünf Jahre Berufserfahrung als klinischer Psychologe. Mehr Kriterien für die Prüfer gibt es nicht.

"Wer die Tests, auf denen das Gutachten beruht, wie und nach welchen Kriterien durchführt, ist völlig unklar", kritisiert der Wiener Kriminalsoziologe Reinhard Kreissl die Transparenz der Verfahren. Es sei nicht genau definiert und nur schwer messbar, ab wann ein Kandidat geeignet ist, eine Waffe zu tragen.

Javorzsky, beige Hose, leicht aufgeknöpftes Hemd, rauchig-tiefe Stimme, blickt immer wieder auf sein Mobiltelefon. Jeden Moment erwartet er die nächste Kundin. Wer sind diese Menschen, die sich eine Waffe zulegen möchten und deswegen zum Psychologen kommen? Javorszkys Antwort lautet: Das sei ganz unterschiedlich. Er hatte 80-jährige Männer genauso wie 20-jährige Frauen in der Praxis. "Vor allem junge Väter fangen wenige Monate nach der Geburt des Kindes an zu patrouillieren. Das ist ein instinktiver Schub", sagt er.

Doch seitdem Bilder von geflüchteten Menschen die Medien bestimmen, ändern sich die Motive der Anwärter. Immer häufiger hört Javorszky die Worte "Selbstschutz" und "Eigenheim".

Nur sieben Prozent der Gutachten fallen am Ende negativ aus

Andreas Krafack geht es ähnlich. Auch er ist waffenpsychologischer Gutachter und beobachtet bei seinen Kunden ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis, das immer öfter zum Anlass wird, sich eine Waffe zu kaufen. Viele würden der Frage nach dem Motiv erst einmal ausweichen, erzählt Krafack, dann sagten sie aber doch so etwas wie: "Sie sehen doch, was gerade in Österreich los ist."

Sportschießen rangiere immer noch auf Platz eins der Kaufmotive, sagt Krafack, am zweithäufigsten aber würden seine Klienten angeben, ihr Zuhause schützen zu wollen. Erst dann kommen jene, die ein Gewehr geerbt haben und dafür nun die Bescheinigung brauchen.

Es gibt aber auch Waffen, für die man kein Gutachten benötigt. Büchsen oder Flinten kann man ab 18 Jahren relativ problemlos kaufen. Maschinengewehre und Pumpguns hingegen sind grundsätzlich verboten. Dazwischen liegen Revolver, Pistolen, halb automatische Schusswaffen und Repetierflinten: Jeder über 21 Jahre darf diese kaufen, sofern er einen Waffenführerschein und ein positives psychologisches Gutachten nachweist.