Urlauber an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns wissen es bereits: Die Gegend bietet reichlich Gelegenheit für den gehobenen Tourismus. Von Wismar im Westen bis Wolgast im Osten reicht die Kette kulturell bedeutender Stätten. Dazu zählt auch Rostock mit seiner Kunsthalle. Allein schon deren unprätentiös moderne, aus DDR-Zeiten stammende Architektur ist einen Ausflug wert. Rechts des Eingangs empfängt den Besucher eine großzügige Halle, links ein kleines Restaurant mit Parkblick und in der Mitte ein Lichthof, den derzeit die japanische Künstlerin Chiharu Shiota bespielt.

Im Obergeschoss hat die Kunsthalle rund 80 Gemälde des 1927 im Vogtland geborenen und 2004 in Leipzig verstorbenen Malers, Grafikers und Plastikers Wolfgang Mattheuer zu einer großen Werkschau vereint. Dabei sah sich Mattheuer gar nicht als Künstler, sondern als "politisch-humanistisch engagierter Bildermacher". Ob ein Werk wirklich Kunst sei, entscheide nicht sein "Macher", sondern das Publikum. Zum Künstler werde ein "Bildermacher" erst durch die "soziale Zustimmung" seiner Rezipienten und durch das Urteil der Nachwelt. Mattheuer war somit der personifizierte Gegenentwurf zum internationalen Blue-Chip-Künstler, dessen Selbstinszenierung zu seinem Markenkern gehört. Gut zu wissen, dass es auch zurückhaltender geht.

Eine bemerkenswerte Haltung konnte sich Mattheuer auch gegenüber "seinem" Staat, der DDR, bewahren. So legt er 1974 sein Amt als Professor nieder, um wieder freischaffend zu arbeiten. Zwei Jahre später protestiert er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1988 tritt er aus der SED aus, und im Herbst 1989 wendet er sich gegen die Intellektuellen, die einen humanen Sozialismus als Alternative zur kapitalistischen BRD postulieren.

All das thematisiert die Rostocker Ausstellung, in ihrem Zentrum stehen jedoch Sinn- und Symbolbilder. Den Kuratoren in Rostock ist das erstaunliche Kunststück gelungen, diese Symbolbilder fast vollständig zusammenzutragen, darunter das großformatige Gemälde Hinter den sieben Bergen aus dem Jahr 1973, das oft als subversive Anspielung auf den Prager Frühling von 1968 gedeutet wird. Das blaue Leipzig und sein Gegenstück Das graue Leipzig gelten heute als Mahnung gegen die Umweltzerstörung in der DDR, das Gemälde Kain als Hinweis auf die beiden deutschen Teilstaaten, die sich wie feindliche Brüder gegenüberstanden.

Zu den bekanntesten Werken Mattheuers zählt der 1984 vollendete Jahrhundertschritt. Jeweils ein Guss dieser überlebensgroßen Figur begrüßt heute die Besucher der beiden Geschichtsmuseen in Bonn und Leipzig, ein weiterer steht vor dem kürzlich eröffneten Museum Barberini in Potsdam. Ein großformatiges Gemälde des Jahres 1987 greift das Thema erneut auf: Ein weit ausschreitender Mann mit verschwindend kleinem Kopf erhebt die rechte Hand zum Hitlergruß, während er die linke zur Faust des Roten Frontkämpferbundes ballt. Im Gemälde stellt Mattheuer die Figur sogar vor eine mit Graffiti bemalte Mauer. Kein Wunder, dass diese Bildidee heute als deutsch-deutsche Epochensignatur des zerrissenen 20. Jahrhunderts und als Sinnbild für die beiden deutschen Diktaturen gilt. Diese Deutungen, die in der Ausstellung ausführlich dokumentiert werden, sind natürlich nicht immer unstrittig, weisen den "Bildermacher" jedoch unzweifelhaft als engagierten Homo politicus aus.

Die Skulptur "Jahrhundertschritt" von Wolfgang Mattheuer (1927-2004) im Innenhof des Kunstmuseums Barberini in Potsdam © Ralf Hirschberger/dpa

Eher unterrepräsentiert sind in Rostock die Landschaftsbilder Mattheuers. Hier hilft das zur Ausstellung erschienene Werkverzeichnis mit seinen 742 Einträgen und zahlreichen Abbildungen. Von den Gemälden gehören mehr als 500 in die Kategorie des Landschaftsbildes, hinzu kommen rund 60 Stillleben. Ein Blick in den Katalog lehrt auch, dass Mattheuer in den fünfziger Jahren fast ausschließlich Landschaften und Stillleben in spätimpressionistischer Manier schuf. Das ist nicht uninteressant, denn zu ebenjener Zeit stand die Kunst unter dem Primat des Politischen. Zudem tobten heftige politische Debatten um den sozialistischen Realismus. Etliche Künstler in der DDR experimentierten gleichwohl mit Stilelementen der Vorkriegszeit, andere schielten sogar auf den offiziell verpönten Picasso. Die meisten Künstler Westdeutschlands legten sich derweil auf die ungegenständliche Kunst fest.

Mattheuers Frühwerk ist von solchen Postulaten, Debatten und Tendenzen erstaunlich unberührt. Erst gegen Mitte der sechziger Jahre und erneut gegen Ende des Jahrzehnts, nach Mauerbau und Prager Frühling, mehren sich in seinem Œuvre die politischen Sujets. Wer den politischen Mattheuer in seinen Schlüsselwerken erleben möchte, sollte unbedingt die auch didaktisch gelungene Ausstellung in Rostock besuchen. Und ein paar Landschaften und Stillleben bekommt er dort zum Glück auch zu Gesicht.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 17. September (www.kunsthallerostock.de). Franz Zöllner ist Professor für Kunstgeschichte in Leipzig.