Mit Entsetzen verfolgten die weißen Amerikaner das Geschehen: Im November 1867 durften die ehemaligen Sklaven in den Südstaaten erstmals wählen. Eine "vornehme Lady" aus South Carolina rief die "geballte Männlichkeit unseres Staates" zum Widerstand auf "gegen eine solche Schmach und Schande, der die Pein zwanzig gewaltsamer Tode vorzuziehen ist". Ein Landsmann versuchte zu beruhigen: Die Schwarzen hätten keine Ahnung von Politik, und das Wahlrecht sei ihnen gleichgültig.

Die neuen Wähler waren nicht weniger erschüttert – und sahen die Dinge ganz anders. "Am I dreaming?", träume ich?, fragte in Charleston ein afroamerikanischer Wahlkämpfer in einer mitreißenden Ansprache und beschrieb das erwachte politische Leben in der black community: "Ist das hier Charleston, wo ich vor zehn Jahren mitansehen musste, wie Menschen auf Auktionen versteigert wurden?"

Die Wahlen wurden ein Triumph der Volksherrschaft. Denn hier geschah, was in der Demokratiegeschichte eher die Ausnahme blieb: Das neue Wahlvolk schritt in Scharen und mit heißem Herzen zur Urne. Und es blieb friedlich – was gerade in den USA keine Selbstverständlichkeit war, hatten in den Jahrzehnten zuvor doch immer wieder Prügeleien zwischen den Anhängern der rivalisierenden Parteien, Einschüchterungen und Manipulationen die offene Stimmabgabe überschattet.

Nicht so in diesem Jahr: Die einstigen Sklaven ließen sich nicht von den Drohungen ihrer Arbeitgeber abhalten, nicht von Müdigkeit und von fehlendem Schuhwerk. Und anders als von vielen Weißen erhofft, wussten die neuen Wähler genau, was sie wollten: Sie votierten mit "Ja" für eine neue Verfassung und wählten republikanische Kandidaten. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung bei den Afroamerikanern zwischen 70 und 90 Prozent. Von den Weißen übten hingegen nur wenige ihr Stimmrecht aus. Die Botschaft war klar: Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Viele weiße Südstaatler hatten nach dem Ende des Bürgerkrieges nicht ohne Grund gehofft, dass ihnen die Demütigung durch eine black vote erspart bleibe. Die ersten Wahlen in South Carolina im Herbst 1865 etwa liefen wie selbstverständlich als rein weiße Veranstaltung ab. Lediglich die Pflanzeraristokratie war teilweise entmachtet worden. Sie hatte – nicht unähnlich den Junkern in Ostelbien – zuvor im Staat ungehindert geherrscht, und bei den Wahlen war ihr ein ungleich höheres Stimmengewicht gegenüber den weißen Kleinbauern zugekommen.

Den republikanischen Abgeordneten in Washington aber war das nicht genug. Sie hatten sich die Freiheit der Afroamerikaner anders vorgestellt und erließen 1867 die Reconstruction Acts: Mit militärischer Gewalt sollte in den Südstaaten die Gleichstellung durchgesetzt werden, und so kam es, dass die republikanische Regierung zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs Truppen in die Südstaaten entsandte, eine Militäradministration installierte und Wahlen für eine neue Verfassung erzwang. Das war kein Akt des "Volkes" – die Mehrzahl der Weißen stellte sich gegen die Gleichberechtigung, im Süden wie in etlichen Staaten des Nordens, in denen entsprechende Plebiszite abgehalten worden waren. Eine republikanische Elite setzte die Demokratie von oben durch.