Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Der tut mir so leid, der Herr Kretschmann", sagt die Tochter, als wir durchs Ländle radeln. "Wie er sich windet, wenn er erklären muss, dass es höchstwahrscheinlich kein Fahrverbot geben wird in seiner Stadt, er will es ja weder mit den Autofahrern noch mit den Anwohnern verderben, denn das sind ja dieselben Leute, einmal stoßen sie Abgase aus und einmal atmen sie Ab- gase ein …" – "Und oft tun sie beides gleichzeitig, wenn sie nämlich im Auto hocken, womöglich im Stau …" – "Und wenn sie dann mal müssen?" – "Dann müssen sie über die Leitplanke krabbeln und schnell ein Gebüsch finden …" – "Tja, das Automobil. Da gäbe es noch so manches nachzurüsten. Einen kleinen Klappdeckel im Sitz …"

– "Und den Harnstoff könnte man gleich zur Abgasreinigung nutzen, warum darauf noch niemand gekommen ist …" – "Und die Fahrverbote in der Innenstadt ließen sich kinderleicht bürgerinitiativ veranstalten, warum darauf noch niemand gekommen ist …" – "Man müsste nur eine Hauptstraße blockieren, jeden Tag für eine halbe Stunde, in der Stoßzeit …" – "Wer hat denn den Mumm, frag ich dich, und wer hat die Zeit dafür übrig …" – "Die Kinder vom Kindergarten neben der Hauptstraße, die hier den ganzen Tag eingedieselt werden. Die werden mit einer bunten Menschenkette die Straße sperren und aufmunternde Lieder singen, damit es den Insassen nicht langweilig wird." – "Und wer seinen Motor aufheulen lässt, um sie einzuschüchtern, der bekommt einen Stopfen aus nassen Lappen in den Auspuff." – "Ein Kindergartenkreuzzug. Lustige Vorstellung. Aber bevor es so weit kommt, hat sich das Problem von selbst erledigt, demnächst kommen die Chinesen mit ihren Elektrocars angeschippert, und im Autoland können sie die Trickkiste zum Erhalt des Verbrennungsmotors getrost zusammenpacken." – "Armer Herr Kretschmann, das wird ihn nicht fröhlicher machen."

– "All die hoch entwickelten Kolbenringe und Einspritzventile, die niemand mehr brauchen kann." – "All die schönen Arbeitsplätze! Unvorstellbar."

– "Nach dem Krieg gab es ganz viele arbeitslose Soldaten, und die Leute konnten sich kaum mehr vorstellen, im Frieden zu leben. Die Stille plötzlich." – "Die Kinder an der Hauptstraße werden nicht mehr so schreien müssen." – "Und werden plötzlich diese andere Luft atmen, die ihnen aus Bäumen und Büschen zuweht mit diesem leisen Rauschen, das sie nicht kannten. Die werden aus dem Staunen nicht rauskommen, was es plötzlich alles zu riechen gibt und zu hören." – "Das Geläut der kleinen Kapelle dort am Hang." – "Unsere Fernfahrradglocken …" – "Heiliger Bimbam!"