Roland Gruber steht an diesem Morgen vor einem großen Panoramabild. Das Foto erstreckt sich über zwei Wände und zeigt Trofaiach, eine Kleinstadt im Bezirk Leoben. Trofaiach, das heißt obersteirischer Eisengürtel, viel Industrie, wenig Tourismus. Ein bedeutender Teil der 11.000 Einwohner sind Stahlarbeiter und ihre Familien. Gruber, 45 Jahre alt, schwarzer Wuschelkopf, ist in einem Außenbüro des Rathauses. Dieses Büro mitten an der Hauptstraße war seine Idee, das Bild an den Wänden vermutlich auch. Das Panorama ist Kulisse und Problem zugleich. Man sieht weitläufige Wohnhäuser und Einfamilienhauskolonien am Stadtrand. "Zurückbauen kannst du so etwas nicht mehr", sagt Gruber nachdenklich.

Der Architekt Gruber soll Trofaiach helfen, die fast leer gefegte Hauptstraße wachzuküssen, seit zwei Jahren versucht er das schon. Aber er kann den Ort nicht neu bauen, sondern nur in Kleinarbeit verändern. So ist es immer, wenn Städte und Dörfer ihn um Hilfe bitten. Was der gebürtige Kärntner, Mitgründer des Architekturbüros nonconform, in der Steiermark probiert, hat bereits Methode. Gemeinsam mit seinem Architektenteam, Bürgermeistern, Beamten und engagierten Bürgern versucht er Leerstände in Ortszentren mit Leben zu füllen.

Gruber hat viel zu tun. Das liegt auch daran, dass viele Gemeinden ihre Raumplanung lange vernachlässigten. Das Wiener Architekturbüro mit Dependancen in Kärnten, Oberösterreich und Berlin machte Karriere mit Leere. In Österreich gilt es bis heute als opportun, an den Rändern der Gemeinden groß zu bauen. Einkaufs- und Fachmarktzentren werden hochgezogen, riesige Flächen für Parkplätze asphaltiert. Die Frequenz in den Innenstädten geht schleichend verloren. Jenseits der Ortsschilder ballen sich die Läden, in den Zentren droht die Verödung: Die deutsche Stadtforscherin Hilde Schröteler-von Brandt hat das als Donut-Effekt beschrieben. Gruber, den dieses Bild seit Jahren umtreibt, spricht vom Krapfeneffekt: Das Süßeste müsse in die Mitte der Dörfer zurückkehren.

Dies alles ist kein rein ästhetisches Problem. Für Orte, die ohnehin von Abwanderung bedroht sind, wird ein verwaistes Zentrum zum gefährlichen Sinnbild. Speckgürtelgemeinden um Wien, Graz oder Linz haben ihre Ortskerne auch oft übersehen. Es sind aber öfter abgeschiedene Ortschaften wie Waidhofen an der Ybbs und Stadt Haag im Mostviertel, die Gruber konsultieren. Oder eben Trofaiach, das wie der ganze Bezirk Leoben gegen Einwohnerschwund kämpfen muss.

Bis in die achtziger Jahre wuchs die kleine Stadt mit der Stahlindustrie, die Arbeiter brauchten Wohnraum. Halb Trofaiach verdiente sein Gehalt an den Hochöfen im Leobener Stadtteil Donawitz, noch immer ist die Voestalpine der größte Arbeitgeber. Politisch ist die Stadt eine Bastion von SPÖ und KPÖ. Es ist immer viel gebaut worden, Schulen, Supermärkte und ein Schwimmbad. Für die Stahlarbeiter wurde sogar eine eigene Außenstelle der Betriebskrankenkasse Donawitz geschaffen. "Wir haben auch massiv in Kinderbetreuung und Ganztagsschulen investiert, um den Familien ein Nest zu bauen", sagt der 47-jährige SPÖ-Bürgermeister Mario Abl, Typus hemdsärmeliger Ortschef.

Für drei Sommertage wurde Trofaiach zu einem Selbstfindungsseminar

Die Hauptstraße gab bis vor zwei Jahren ein tristes Bild ab. Einst für Pferdekutschen gebaut, zieht sie sich wie eine enge Schlucht durch Trofaiach. Viele Erdgeschosse stehen heute noch leer, ein Bäcker und ein Schuster haben längst dichtgemacht. "Wenn ich unsere Gemeinde als Körper sehe, dann sind die Gliedmaßen und der Kopf perfekt. Aber das Herz, die Innenstadt, ist unser Thema. Da wollten wir einen Herzschrittmacher einbauen", sagt Abl und meint damit die Leerstandsbekämpfung unter Grubers Anleitung.

Nach monatelanger Vorbereitung lud nonconform im Juli 2015 alle Bürger von Trofaiach zu einem Workshop ein. Man sprach über die Problemzonen der Innenstadt, über Wünsche und mögliche Lösungen für die Hauptstraße. Für drei Sommertage wurde der ganze Ort zum Selbstfindungsseminar. "Am Ende stellen wir Architekten das spannendste Konzept vor und nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner", sagt Gruber. Zu Beginn gehe es weniger darum, ruckartig Immobilien zu renovieren, sondern Aktivitäten im Zentrum zu setzen. Vernissagen und Konzerte in leer stehenden Häusern oder ein Stadtfest auf dem Hauptplatz würden den Bürgern zeigen, was im Zentrum noch alles möglich ist. "Wir müssen die Energie in die Mitte zurückbringen", sagt der Architekt. Manchmal klingt er wie ein Unternehmensberater, manchmal auch ein bisschen wie ein Guru. Doch wer die sterbenden Dörfer im Wein- und Waldviertel, in der Oststeiermark oder im Südburgenland kennt, der weiß, dass viele Orte in Österreich einen Guru brauchen könnten. Mindestens einen.