Beat Hächler kommt gerade von einer Bergtour im Centovalli. Der Handy-Empfang ist schlecht, trotzdem hört man, wie verärgert der Mann nach wie vor ist, wie enttäuscht, und vor allem wie sehr er um sein Haus fürchtet: das Alpine Museum der Schweiz (alps) in Bern. Hächler ist dort Direktor.

Das alps erhält vom Bund in den nächsten vier Jahren weniger Geld, statt wie bisher 1,02 Millionen nur noch 250.000 Franken pro Jahr. So hat es das Bundesamt für Kultur (BAK) vor zwei Wochen entschieden. Mit seiner neu ausgerichteten Förderungspolitik für die Schweizer Museen hat das Amt eine mittlere Kulturkrise ausgelöst. Nicht nur das alps in Bern, sondern auch das Schweizerische Architekturmuseum (SAM) und das Sportmuseum in Basel müssen künftig mit viel weniger, im Fall der beiden Basler Häuser sogar ganz ohne Bundessubventionen auskommen. "Wenn es dabei bleibt, müssen wir schließen", schimpft alps-Direktor Hächler im Tessin in sein Telefon. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es der Wille des BAK war, uns totzusparen."

Ein Alpenland riskiert sein Bergmuseum. Eine Architekturnation meint, auf ihr Bau-Haus verzichten zu können. Dafür fördert es fortan gleich zwei Glasmuseen und kantonale Kunsthäuser, spricht Betriebsbeiträge für eine Römerstadt und eine Keltensiedlung.

Dabei gab sich das BAK so viel Mühe. Absolut gerecht, völlig transparent und total objektiv sollte sie sein, die neue Förderpolitik des Bundes. Die 5,9 Millionen Franken, die das Amt pro Jahr an Schweizer Museen ausrichten darf, sollten nicht automatisch weiterhin nur an Institutionen und Häuser gehen, die bisher Geld erhielten. Die BAK-Mitarbeiter entwarfen dafür einen ausgeklügelten Kriterienkatalog, der ihnen als Subventionsrichtschnur gelten sollte. Frei von alten Seilschaften und gewachsenen Bindungen wollten sie fortan ihre Millionen verteilen. Aber sie vergaßen dabei, was Excel-Tabellen-Gläubige in staatlichen Verwaltungen, die unter öffentlicher Dauerbeobachtung stehen, allzu gerne vergessen: Ihr Tun ist immer politisch. Kulturpolitik ist immer Politik. Egal wie gerecht, transparent und objektiv ihre Kriterien sind.

Als 1980 in Zürich die Opernhaus-Krawalle tobten, rang sich die Stadt durch und öffnete der rebellischen Jugend die Rote Fabrik als Kulturzentrum und äufnete ein paar Jahre später den Popkredit.

Als sich 2001 der Kunstsammler Friedrich Christian Flick von Star-Architekt Rem Koolhaas in Zürich-West ein Haus für seine Collection bauen lassen wollte, sollte zwar kein staatliches Geld fließen. Aber es war eine politische Kulturkampagne, angeführt vom damaligen Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler, die Flick, dem deutschen Industriellensohn, die Nazi-Vergangenheit seiner Vorfahren vorwarf – und ihn vergraulte.

Und als vor fünf Jahren in derselben Stadt das Kunsthaus einen Erweiterungsbau plante, da ging es nicht nur darum, die Tourismus-Destination zu stärken. Nein, das Projekt war getrieben und getragen vom politischen Willen, eine große Kunstsammlung eines Zürchers in der Stadt zu halten. Dieses Mal spielte es keine Rolle, dass der Mann ein berüchtigter Waffenhändler war, der im Zweiten Weltkrieg mit Nazi-Deutschland geschäftete – Emil Georg Bührle.

Das Parlament wollte mehr Geld für das Alpine Museum

Auch das alps ist ein politisches Projekt. Beat Hächler hat das Haus im Auftrag seiner Stifter, des Bundes, der Stadt und des Kantons Bern sowie des Schweizer und Alpenclubs SAC, von einer verstaubten Ausstellungsstätte zu einem modernen, debattierlustigen und weitum angesehenen Museum gemacht.

2011 entschied das eidgenössische Parlament über Regierung und Verwaltung hinweg, der Bund müsse das Alpine Museum stärker unterstützen, und verdoppelte die Bundesbeiträge von einer halben auf eine gute Million Franken. Weg vom Vitrinenhaus, hin zum Debattenort.

Umso überraschter war der Museumsdirektor vom BAK-Entscheid. Hächler sagt, er habe nicht mit diesem worst case gerechnet, weil er davon ausgegangen sei, dass das Bundesamt seine besondere finanzielle Verantwortung dem Haus gegenüber wahrnehme. Dass das alps auch im besten Fall gar nicht mehr als 310.000 Franken hätte bekommen können, sei nie offengelegt worden: "Die Geldverteil-Spielregeln wurden erst während des Spiels aufgestellt, das ist unfair."

Beim BAK heißt es: Alles mit rechten Dingen zugegangen. "Natürlich ist es schmerzhaft, weniger Geld zu bekommen. Aber jedes Haus hatte dieselben Bedingungen", sagt Mediensprecher Daniel Menna. Beschlossen wurde die Systemänderung mit der Kulturbotschaft 2016–2020, die das Parlament vor zwei Jahren beschloss.