Mehr als eine Million Senioren in Deutschland üben einen sogenannten Minijob aus. Sie verteilen Werbeprospekte, fahren ein paar Stunden in der Woche Taxi oder helfen bei einer anderen Arbeit aus – etwa als Urlaubsvertretung bei ihrem früheren Arbeitgeber. Noch nie gab es so viele Minijobber im Alter von mindestens 65 Jahren wie heute. Ihre Zahl stieg innerhalb von zehn Jahren um 38 Prozent, von 740.000 auf 1,02 Millionen. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Linkspartei. Die Zahlen seien ein Skandal, schimpft Jutta Krellmann, die gewerkschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion, weil sie zeigten, dass "über eine Million Menschen über 65 Jahren einen Minijob benötigen, um ihr Auskommen zu sichern".

Altersarmut ist ein Thema im Bundestagswahlkampf, aber eine wirklich große Debatte hat es bisher nicht ausgelöst (wie ja überhaupt kein Thema, außer dem mittlerweile verpufften Schulz-Effekt). Auch die neuen Minijobber-Zahlen verhallten ohne lautes Echo. Vielleicht haben sich viele Menschen schon zu sehr an Meldungen zum Thema Altersarmut gewöhnt, oder sie sind angesichts vieler übertriebener Warnungen inzwischen skeptisch geworden, was da überhaupt dran ist. Dabei ist die Altersarmut – die tatsächlich wächst – ein ernstes Problem, über dessen Lösung es sich zu streiten lohnt.

Zu behaupten, alle jobbenden Rentner würden aus purer Not arbeiten, ist zwar übertrieben. Viele Ältere sind heute gesünder und fitter als frühere Senioren und wollen gerne noch beruflich aktiv sein. Und die gute Arbeitsmarktlage erlaubt ihnen das auch eher als früher. Aber eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2013 deutet darauf hin, dass für viele auch finanzielle Gründe eine Rolle spielen. In dieser Umfrage gaben nur neun Prozent der jobbenden Ruheständler an, das Geld sei für sie "eher unwichtig". 55 Prozent brauchten das Geld nach eigenen Angaben, um sich "Extrawünsche" zu erfüllen. Und 36 Prozent, also mehr als jeder Dritte, erklärten, sie benötigten es "unbedingt", um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Zahl der notgedrungen arbeitenden Ruheständler ist also kleiner, als es die Linkspartei-Politikerin Krellmann suggeriert – aber sie ist nicht klein.

Vor allem betrifft Altersarmut auch Menschen, die nicht mehr dazu in der Lage sind, sich durch Arbeit etwas zu verdienen. Das macht die Not im Alter besonders bedrückend. Wer als jüngerer Mensch eine Zeit lang von der staatlichen Grundsicherung lebt, darf hoffen, dass er eines Tages wieder aus eigener Kraft für seinen Lebensunterhalt sorgen kann. Wer mit 65 die Grundsicherung im Alter – das Hartz IV für Ruheständler – bezieht und nicht mehr die Kraft hat zu arbeiten, ist dagegen chancenlos. Ihm stehen womöglich 20 oder mehr Jahre auf dem extrem knapp bemessenen Hartz-IV-Niveau bevor. Das ist eine kaum zu ertragende Perspektive.

Deshalb ist es falsch, das Problem damit abzutun, es seien ja weniger alte als junge Menschen auf staatliche Fürsorgeleistungen angewiesen. Während etwa acht Prozent aller Bürger von Grundsicherung leben, sind es bei den über 64-Jährigen bisher erst drei Prozent – wobei dieser Anteil über die Jahre gestiegen ist und Prognosen zufolge bis 2030 sieben Prozent erreichen könnte. Doch ob drei, fünf oder sieben Prozent: Ein Alter in Armut möchte man niemandem wünschen.

Das Thema hat daher viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Immerhin taucht es in allen Wahlprogrammen auch irgendwo auf. Aber die Vorschläge zur Behebung dieses Problems werden kaum diskutiert. Klar ist, dass der Kampf gegen zukünftige Altersarmut nicht erst beim Rentensystem anfangen darf. Genauso wichtig ist die Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Folgt man der Linkspartei, müsste man bloß schlecht bezahlte Arbeit verbieten – mit einem Mindestlohn von zwölf Euro und der Umwandlung aller Minijobs in reguläre sozialversicherungspflichtige Stellen, wie es Krellmann fordert.

Qualifizierung der Arbeitslosen verbessern

Die Gefahr, dass durch solche Schritte Jobs verloren gehen und Menschen ohne Arbeit erst recht arm bleiben könnten, wollen die Linken nicht sehen. Doch wer lange keinen Job hat oder wer nur gering qualifizierte Arbeit machen kann, hat die schlechtesten Aussichten bei der Rente. Deshalb bleibt alles richtig und wichtig, was hilft, die Arbeitslosigkeit weiter zu senken. Ebenso wie alle Maßnahmen, die dazu dienen, die Qualifizierung der Arbeitslosen zu verbessern. Die Mittel für Umschulungen und Weiterbildungsangebote für Arbeitslose im Hartz-IV-System müssten deutlich aufgestockt werden. Entgegen vielen Beteuerungen ist in diesem Bereich jahrelang gespart worden. Dabei wäre mehr Hilfe an dieser Stelle ein wichtiges Mittel zur Bekämpfung der Altersarmut.

Bei der Rente selbst gibt es eine Reihe konkreter Vorschläge. Die Grünen wollen eine Garantierente einführen, die höher als die Grundsicherung liegen soll. Bei der SPD heißt ein ähnlich gedachter Vorschlag Solidarrente. Außerdem wollen die Sozialdemokraten und die Grünen das allgemeine Rentenniveau stabilisieren sowie die existierende Erwerbsminderungsrente verbessern, die Menschen bei einer schweren Erkrankung erhalten. Die Union will größere Veränderungen am Rentensystem erst nach der Wahl in einer Kommission diskutieren, verspricht aber ebenfalls Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente.

Kleine Rentenerhöhungen reichen nicht, um Ruheständler aus der Armut zu holen

Am meisten ist zuletzt in der Öffentlichkeit darüber diskutiert worden, wieweit das allgemeine Rentenniveau stabilisiert oder sogar wieder angehoben werden kann. Dieser Punkt betrifft praktisch alle Rentner und spricht deshalb natürlich viele Wähler an. Doch die Altersarmut lässt sich auf diesem Weg kaum bekämpfen. Denn die Rente für alle Empfänger auch nur geringfügig anzuheben ist enorm teuer. Zugleich reicht eine geringfügige Verbesserung kaum aus, um Ruheständler mit Minirenten aus der Armut herauszuholen. Wer das wirklich will, muss die knappen Mittel zielgenauer einsetzen.

Die Rente bei Erwerbsminderung aufzubessern ist ein sinnvoller Schritt dazu. Auch eine großzügiger bemessene Grundsicherung im Alter könnte ein Weg sein. Oder eben eine Art Solidar- oder Garantierente. Aber auch da gilt es, sich auf die Bedürftigen zu fokussieren. Die Grünen wollen bei ihrer Garantierente nicht prüfen, ob jemand noch eine Betriebsrente hat, Mieteinnahmen kassiert oder über ein großes Vermögen verfügt. Die Garantierente soll ohne Bedürfnisprüfung gewährt werden. Besteht da nicht die Gefahr, dass das Geld am Ende doch nicht reicht und bei den wirklich Armen zu wenig ankommt? Darüber sollte viel mehr gestritten werden.

Es spricht nicht viel dafür, dass aus diesem Wahlkampf noch ein Renten-Wahlkampf wird, wie es vor einigen Wochen einmal hieß. Das ist vielleicht zu viel verlangt. Aber eine sachliche, ernsthafte Debatte über Altersarmut und über Wege, sie zu lindern, das wäre schon schön.