Das Ölgemälde über dem Sofa hängt schräg – es zeigt einen Fußweg, der in einen Wald führt. So etwas fällt auf in Andreas Georgious Einfamilienhaus in einem Vorort von Washington, D. C. Es steht dort sonst alles an seinem Fleck, sorgsam drapiert, fast pedantisch. Nur das Bild, unter dem Georgiou sitzt und erzählt, ist aus dem Lot geraten. Und es passt zu Georgious Geschichte von seinem sehr geordneten Leben, das ebenso aus dem Lot geriet.

Bis vor zwei Jahren war Georgiou Chef-Statistiker Griechenlands, hinter sich eine tadellose Karriere in Amerika, 2010 zurückgekehrt ins Heimatland, um dort inmitten der Wirtschaftskrise etwas Neues aufzubauen: ein unabhängiges Statistikamt.

Heute ist Georgiou ein verurteilter Krimineller. Obwohl er schon mehrfach freigesprochen wurde, ging es immer wieder von vorne los. Vergangene Woche hat ihn ein Gericht in Athen in Abwesenheit wegen Verstößen gegen seine Amtspflichten zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. In einem anderen Verfahren hatte er zuvor schon ein Jahr auf Bewährung bekommen. Außerdem laufen gegen den 56-Jährigen nach eigener Zählung sechs weitere Verfahren. In einem geht es um die gigantische Summe von 171 Milliarden Euro, die seine statistischen Methoden Griechenland angeblich gekostet haben sollen.

Griechenland hatte sich schon mit falschen Zahlen den Zugang zum Euro erschlichen

Nun ist Georgiou geflohen, zurück nach Amerika. Er fürchtet um seinen Ruf, um seine Existenz, ja sogar um seine Freiheit. "Was mir zustößt, konnte ich mir nicht einmal in den wildesten Szenarien vorstellen", sagt er. Dabei ist er es als Statistik-Profi gewohnt, Wahrscheinlichkeiten zu kalkulieren.

Für das Interview mit der ZEIT hat er einen dunklen Anzug angezogen, dazu eine rote Krawatte. Ob er das Jackett wohl ausziehen könne, fragt er höflich, bevor er zu erzählen beginnt. Es folgen vier Stunden voller Zahlen, Fakten, Paragrafen, Statistiken, Anschuldigungen und Erklärungen. Vier Stunden aus dem Zentrum der griechischen Krise.

Denn das, was Georgiou erlebt, ist keine nationale oder gar persönliche Affäre, sondern eine europäische. Sie ist der zweite Statistik-Skandal Griechenlands, seit herauskam, dass sich das Land mit gefälschten Statistiken den Zugang zum Euro erschlichen hat. Und sie zeigt, dass die Krise Griechenlands noch lange nicht vorüber ist, dass der Graben zwischen dem Land und den Geldgebern noch tief ist.

Wieder geht es um Daten zur Verschuldung des Landes, insbesondere um das Haushaltsdefizit. Doch während die Griechen die EU einst mit zu niedrigen Zahlen beschummelten, ist der Vorwurf jetzt andersherum: Andreas Georgiou wird von einigen Griechen beschuldigt, das Haushaltsdefizit künstlich zu hoch gerechnet und damit das Land erst richtig in die Krise getrieben zu haben. Georgious lauteste Gegnerin Zoe Georganta, die ehemalige stellvertretende Leiterin des griechischen Statistikamtes Elstat, legt nahe, dass er das alles im Auftrag von EU und IWF tat. In einem Radio-Interview nannte sie Georgiou eine "Marionette".