Vor zwei Wochen hat der Palästinenser Ahmad A. in Barmbek ein Messer aus einem Supermarktregal gerissen, einen Mann erstochen und sechs Menschen verletzt. Mike Mösko arbeitet daran, solche Fälle zu verhindern.

Der 45-Jährige leitet die Arbeitsgruppe zu psychosozialer Migrationsforschung am UKE, nebenher ist er Vorstandsmitglied bei Segemi, einem Verein, der die psychotherapeutische Versorgung von Migranten in Hamburg verbessern will. Mösko hat seit dem Sommer 2015 ohne Pause geackert, aber er wünscht sich mehr Unterstützung. "Es reicht nicht", sagt Mösko. "Wir müssen uns noch mehr anstrengen."

Der Psychologe weiß, dass der Barmbeker Fall noch lange nicht geklärt ist, zahlreiche Gutachten stehen noch aus. Und doch, sagt Mösko, beweise der Fall schon jetzt: "Wir müssen psychisch kranke Flüchtlinge besser unterstützen."

Der Messerangriff von Barmbek offenbart einen gefährlichen Missstand: Asylbewerber werden in Hamburg in unzureichender Weise psychologisch versorgt.

War A. psychisch krank, bevor er zum Islamisten und Mörder wurde? Ist es überhaupt möglich, Terror mit irgendeiner Form von Therapie einzudämmen, oder ist dieser Ansatz schlicht naiv? Hätte man die Radikalisierung von Ahmad A. verhindern können?

Bei Ahmad A. gab es mehrere Hinweise, dass sich die persönlichen Probleme des Asylbewerbers in gefährlicher Weise zuspitzen könnten. Ein Mann aus dem Flüchtlingscamp meldete A. bei der Polizei: Sein Nachbar rauche und trinke nicht mehr, stattdessen rede er viel über Religion. Betreuer der Beratungsstelle Legato sprachen daraufhin mit dem 26-Jährigen, erklärten sich aber für überfordert, wie der Spiegel berichtete. A. rezitierte in einem Café Koranverse. Und sowohl der Verfassungsschutz als auch der Leiter des Flüchtlingscamps empfahlen eine Überstellung an den sozialpsychiatrischen Dienst.

Aber nichts passierte. Der Fall des Ahmad A. zeigt, wie Asylbewerber durchs Raster der sozialen und psychologischen Evaluierung fallen, selbst wenn Betreuer auf sie aufmerksam werden. Es gibt in Hamburger Unterkünften mutmaßlich Tausende Flüchtlinge, die psychische Probleme haben. Immer wieder berichten Sozialarbeiter von Menschen, die Hilfe brauchten, für die es aber keine Betreuungskapazitäten gibt.

Psychisch kranke Flüchtlinge sollen im Regelfall schlicht wie Deutsche zum Arzt gehen und dann an einen Fachmediziner verwiesen werden. Weil das aber längst nicht reicht, haben sich Vereine wie Segemi gegründet. Dort arbeiten drei Therapeuten, zwei Koordinatoren und eine Helferin. Pro Woche schaffen sie es, etwa 20 Menschen diagnostisch einzuschätzen. Einige dieser potenziellen Patienten können die Mitarbeiter an Therapeuten vermitteln, andere nicht. Es gebe fast dreimal so viele Anfragen wie Plätze, sagt Mösko.

Darüber, wie viele Flüchtlinge psychisch überlastet sind, ist nichts präzise erfasst. Dietrich Munz, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, schätzt, dass zwischen 40 und 50 Prozent der Flüchtlinge an psychischen Erkrankungen leiden. Zwei Drittel der Menschen, die seit Januar 2016 in Deutschland Asyl beantragt haben, kommen aus den Kriegsländern Syrien, Afghanistan und Irak. Die Betreuung psychisch Kranker hat sich in der Zeit kaum verbessert. "Flüchtlinge sind bei der therapeutischen Versorgung strukturell benachteiligt", sagt Mösko.