Gar nicht schlimm, dass Sie erst jetzt da sind. Das beweist sogar Kennerschaft. Zwar verleihen die Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth jedes Jahr Ende Juli einen Hauch von Weltstadt. Sie bringen aber auch unfränkische Hektik und Gerangel um jeden freien Restaurantplatz. Im August sind die Kanzlerin und die anderen Promis schon weg, doch die Festspiele dauern immer noch an. Jetzt sieht man am besten, wie hübsch sich die Stadt für ihre Gäste gemacht hat. Überall Blumen in den städtischen Beeten – die blühen nicht immer so schön.

Werfen Sie vom Bahnhofsplatz einen kurzen Blick auf das Festspielhaus, wie es dort oben auf dem Grünen Hügel thront. Dann reicht es erst mal mit Wagner. Auf dem Weg in die Stadt überqueren Sie ein recht trostloses Rinnsal, den Roten Main, der umso kläglicher wirkt, weil er in einem überdimensionierten Betonbett steckt. Da hilft auch kein Blumenschmuck. Das Rathaus, an dem Sie dann vorbeikommen, ist ein wenig repräsentativer Nachkriegsbau in eigenwilligem Türkis-Babyblau.

Falls Sie jetzt bedauern, hier gestrandet zu sein, sind Sie in guter Gesellschaft. So ging es auch der preußischen Königstochter Wilhelmine, die sich 1732 in dieser unbedeutenden Residenzstadt wiederfand – verheiratet mit dem künftigen Markgrafen von Brandenburg-Bayreuth.

Die Bayreuther tragen ihr den anfänglichen Dünkel nicht nach. Bis heute ist die Markgräfin die populärste Gestalt in der Stadtgeschichte. Jeder Grundschüler kennt sie und schlüpft beim Klassenausflug ins Historische Museum entzückt in barocke Kostüme. Wir haben ihr etwas zu verdanken. Was, das sehen Sie in der Opernstraße im Zentrum. Dort steht Bayreuths älteste berühmte Bühne, das Markgräfliche Opernhaus.

Wagner mochte seine Werke hier nicht aufführen lassen. Er ließ sich von seinem Sponsor Ludwig II. eine schlichte, dafür größere Spielstätte bauen. Doch wenn Sie im Zuschauerraum einmal nach oben geblickt und die neun Musen auf der Decke gesucht haben, wenn Sie einmal diese überbordend-schönen Säulen und Figürchen bestaunt und den Holzduft eingeatmet haben, dann können Sie vielleicht verstehen, warum dieser Bau vielen Bayreuthern mehr bedeutet als der Grüne Hügel. Dafür allerdings müssen Sie noch einmal zu Besuch kommen: Gerade wird das Opernhaus renoviert.

Wilhelmine war es langweilig, also ließ sie bauen. Am Stadtrand die Eremitage, im Zentrum alles Mögliche. Rund um die Ludwig-, Friedrich-, Sophien- und Kanzleistraße sieht jedes zweite Haus wie ein kleines Schloss aus. Zwei davon sind wirklich welche: das Alte Schloss, heute Deutschlands vielleicht schönstes Finanzamt, und das Neue Schloss mit seinem angrenzenden Hofgarten. Wenn Sie Glück haben, läuft Ihnen einer der bekanntesten Bayreuther über den Weg. Ein nicht mehr ganz junger, freundlicher Mann mit schwarzer Mähne, güldener Schlaghose und spitzen Stiefeln. Alle nennen ihn Elvis. Er lebt, und zwar hier.

Gleich um die Ecke vom Neuen Schloss sollten Sie sich in der Richard-Wagner-Straße vor dem rot-weiß gestreiften Holzhäuschen in die Schlange einreihen. Hier gibt’s Bayreuther Bratwörscht mit Senf für 2,60 Euro.

Ein bisschen Wagner soll es doch noch sein, ehe Ihr Zug fährt? Gehen Sie die paar Schritte zur Villa Wahnfried. Außer den Ruhestätten von Richard und Cosima finden Sie hinter dem Gebäude auch die von Russ. Der Neufundländer gehörte praktisch zur Familie. Nun "ruht und wacht" er an ihrer Seite, wie der Grabstein verrät. Wenn Sie Ihre Wurst noch nicht verputzt haben, lassen Sie ihm doch eine Hälfte da. So machte das auch der Meister.