Porzellantiere sammeln

Erst war ich irritiert, als meine beste Freundin mir vor Jahren diesen gelben Porzellanhasen schenkte. Mit seiner stumpf gewordenen, Risse bildenden Oberfläche sieht er nicht gerade wertvoll aus. Obendrein ist er kaputt. Ein Auge ist zerkratzt, und irgendwer hat vor langer Zeit das linke Ohr wieder angeklebt; der Klebstoff, der an einer Stelle herausgequollen ist, ist über die Jahrzehnte braun geworden. Anderseits hatte ich dieses kleine Tier augenblicklich in mein Herz geschlossen. Es sieht so lieb aus. Es rührt mich. Es dauerte ein bisschen, bis ich begriff, dass der Charme dieses Hasen nicht unwesentlich von seiner Versehrtheit herrührt. Und dass es sich gut anfühlt, dieses Wesen vor einem Ende im Mülleimer bewahrt zu haben.

Zum Hasen gesellte sich irgendwann ein Elefant. Als ich ihn fand, hatte ihm sein Vorbesitzer den abgebrochenen Rüssel auf den Rücken geklebt, vermutlich, damit er nicht verloren geht. Wer könnte an diesem Rückenrüssler schon achtlos vorbeigehen? Ich jedenfalls nicht. Mehrmals habe ich versucht, den abgebrochenen Rüssel wieder an die richtige Stelle zu kleben, aber seltsamerweise fiel er immer wieder ab. Es war, als wollte der Elefant mir bedeuten, ich solle ihn nehmen, wie er ist. Das tue ich seither.

Genauso wie ich den Strauß mit dem angestoßenen Schnabel lieb habe und den Hirsch mit dem defekten Geweih und der Schnauze, die leicht schief aufgemalt wurde. Ja, ich habe ein Herz für wertlose Porzellantiere, Objekte, die keiner will, weil sie nicht perfekt sind, und keinen Stempel einer berühmten Manufaktur tragen. Das soll jetzt aber bitte nicht heißen, dass Sie, liebe Leserin, ihren Schrankwandnippes bei mir abladen dürfen. Das Sammeln kaputter Porzellantiere macht nämlich nur dann Spaß, wenn man sie selbst findet (und sich ein bisschen als Retterin fühlen darf) – oder wenn man sie von einer guten Freundin geschenkt bekommt.

Medleys erfinden

Shalalalala oh oh oh, shalalalala oh oh oh. Das passiert mir andauernd: Lieder, die ich gar nicht mag, schleichen sich in mein Bewusstsein. Oft erinnere ich mich nur noch an eine oder zwei Zeilen. Aber mein Gehirn weiß sich zu helfen. Ganz von allein fügt es die zahllosen Songfetzen zu einem stimmigen Ganzen. The greatest love of all is happening to me – Because I gotta have faith, uuh, I gotta have faith, faith, faith. Das gehört nicht zusammen? Natürlich nicht! Klingt aber doch plausibel.

Ich kann zwar keine Noten lesen, und ich spiele auch kein Instrument, aber in meinem Kopf erfinde ich Medleys, mit denen ich die Lebensleistung von James Last in den Schatten stelle. Schmachtet es in meinem Kopf I wanna know what love is, dann ergänzt mein innerer Zufallsgenerator das umgehend mit einem schmissigen Jenny, Jenny, dreams are ten a penny. Damit all das zusammenpasst, ist allerdings knallharte Produzentenarbeit gefragt. Harmonieren mal die Rhythmen nicht, erfinde ich einen Basslauf oder ein Saxofonsolo für den Übergang. Richtig rund wird so ein Medley aber erst mit ein paar geschickt eingefügten Yeahs oder flottem Hand-Clapping. In schwierigen Fällen greife ich gerne auf ein gejaultes Oh no no no zurück. Das hilft eigentlich immer.

Leider ist es unwahrscheinlich, dass ein solches Opus jemals mein Gehirn verlassen wird. Singen kann ich nämlich auch nicht. Könnte ich es, dann müssten sich die Radiosender nicht mehr um die größten Hits und den besten Mix bemühen. Dann trüge ein einziger Song von mir sie locker durch die Sendung. Ich müsste nur einen Weg finden, die Stauwarnungen einzubauen. Das sollte nicht schwer sein. Oh no no no.