Auch Schiedsrichter haben Trainer. "Vorfuß … knallt das Knie vor … kurze Kontakte!" Die besten deutschen Schiedsrichter sprinten los. Kopf gesenkt, kein Blick für die bayerischen Berge bei Grassau. "Sieht supergut aus!" Der Trainer mahnt trotzdem: "Macht euch nichts vor, ihr braucht diese Entwicklung, was die Lauftechnik angeht. Sonst kommt ihr langfristig nicht zurecht." Bibiana Steinhaus weiß das. Seit Wochen legt sie "ein paar Schippen" drauf, arbeitet an Tempo und Laufstil. "Da mach ich mir keine Illusionen", sagt sie beim Gespräch im Trainingslager. "Die Geschwindigkeit in der Bundesliga, die Intensität, das wird noch mal ein weiterer Schritt werden."

Als erste Frau wird Steinhaus Spiele in der Ersten Bundesliga pfeifen. Seit der Deutsche Fußballbund (DFB) dies im Mai bekannt gab, wird sie mit Interviewanfragen überschüttet. Was sie als Bestätigung ihrer Leistung betrachtet, ist aus Sicht der Öffentlichkeit und Medien eine Sensation. Manchem Schiedsrichterkollegen geht der Hype um die Frau auf dem Feld jetzt schon auf die Nerven. "Ob Männlein oder Weiblein, ist doch egal", sagt ein langjähriger deutscher Spitzenschiri. "Hauptsache, die Entscheidung stimmt." So sieht sie das auch. Der einzige Unterschied zwischen ihr und den 43 anderen Referees in den beiden obersten Spielklassen sei ihr blonder Pferdeschwanz. "Deswegen stehen Sie ja alle heute hier", sagt sie dem Pulk von TV-Journalisten, die ein paar knackige Sätze von ihr wollen. "Sie muss im sportlichen Bereich die gleichen Voraussetzungen erfüllen wie die männlichen Kollegen", bekräftigt Lutz Michael Fröhlich, Leiter der Schiedsrichterkommission Elite.

Manche Männer zweifeln, dass sie schnell genug sei für die Erste Liga. Sie sei heute fitter als bei ihrem Zweitligadebüt vor zehn Jahren, sagt Fröhlich. Was sie zudem auszeichne, sei ihre Art der Spielführung, die Kommunikation auf dem Platz: "Sie agiert sehr geschickt, ist überhaupt keine Reizfigur als Schiedsrichter und hat eine ausgleichende, dabei dennoch klare und bestimmte Art im Umgang mit den Protagonisten." Es gibt manche Aufgeregtheiten, die lächelt sie einfach weg.

Lutz Michael Fröhlich, 59, seit einem Jahr im Amt, Kommunikationswissenschaftler von Beruf. Das macht sich auch auf dem Platz bemerkbar. Er gehörte schon zu seiner aktiven Zeit nicht zu jenen Sturköpfen, als die Schiedsrichter in der Öffentlichkeit lange galten. In seiner kurzen Zeit als Chef hat er Neuerungen durchgesetzt, die Druck aus dem System nehmen: Zum Beispiel wird zur neuen Saison die umstrittene Benotung der Elite-Schiedsrichter abgeschafft. Man wolle künftig nicht mehr über Noten, sondern nur noch über Inhalte diskutieren, sagt Fröhlich.

Als Polizeibeamtin hat sie einen G8-Gipfel und Castortransporte begleitet

Da passt der Aufstieg von Bibiana Steinhaus ins Bild. Vor einem Jahr hatte sie selbst nicht mehr daran geglaubt. Obwohl sie damals im geheimen Ranking des DFB die besten Noten aller Zweitligaschiedsrichter hatte, wurden vier andere in die Erste Liga berufen. "Was hat der Schiri-Boss gegen Bibi Steinhaus?", empörte sich Bild. Der damalige Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel begründete die Entscheidung in einem Gespräch mit dem Magazin Kicker: "Das einzig gültige Kriterium ist die konstante Leistungsfähigkeit über mehrere Spielzeiten, und dies war bei Frau Steinhaus in den letzten Jahren nicht der Fall." Auch Fröhlich bestätigt, dass Steinhaus in der Entscheidungssicherheit noch Konstanz habe beweisen müssen – und dies getan habe: "Das hat sich bei ihr in den letzten zwei Jahren super stabilisiert." Jetzt gebe es keinen Zweifel mehr: "Bibiana Steinhaus ist reif für die Bundesliga."

Abseits des Platzes musste sich Steinhaus in einem Umfeld von Funktionären durchsetzen, von denen einige noch mit einem Verbot des Frauenfußballs groß geworden sind. Das erste offizielle Länderspiel der "Damen" fand statt, als sie drei war. Während die zehnjährige Bibiana ihren Ehrgeiz noch aufs Schwimmen richtete, gewannen die deutschen Spielerinnen erstmals bei einer Europameisterschaft – und bekamen vom Verband als Anerkennung ein Kaffeeservice mit Blümchen, das es zu bleibender Berühmtheit brachte. Erst mit 14 fand Steinhaus beim SV Bad Lauterberg zum Fußball. Da sie als Verteidigerin "ziemlich talentfrei" war, probierte sie es zwei Jahre später mal als Schiedsrichterin – ihr Vater war das Vorbild.

Die Entscheidung hat sie nicht bereut. Dem Schiedsrichterobmann ihres Vereins, Wolfgang Illhardt, sei sie noch eine Flasche Champagner schuldig, sagt sie. Hartnäckig hatte er sie ermuntert, dass sie den Anfängerlehrgang mitmachte. Anfangs assistierte sie Illhardt und ihrem Vater an der Seitenlinie, bald war es umgekehrt. Ihr Aufstieg verlief rasant, mit 22 pfiff sie in der Regionalliga der Männer. Aber ihr Beruf als Polizeibeamtin war ihr immer wichtig. Sie hat einen G8-Gipfel und Castortransporte begleitet, leistet jetzt Innendienst – und hat ihre Arbeitszeit deutlich verringert. Die Polizei unterstütze sie bei ihren Plänen. "Mein Schwerpunkt im Moment ist klar der Fußball." Davon abhängig machen will sie sich nicht. "Ich möchte mich auch mit anderen Dingen geistig beschäftigen als ›Abseits – ja oder nein‹." In Hildesheim schloss sie kürzlich eine Ausbildung zum Coach in der Arbeitswelt ab. Was sie dort gelernt hat, kann sie auch selbst brauchen. Was ist Stress für mich? Wie gehe ich damit um? Fehlentscheidungen schmerzen sie, natürlich.

"Ich habe eine sehr realistische Vorstellung davon, was auf mich zukommt", sagt sie. Ihr Zweitligadebüt sei sie noch mit jugendlicher Naivität angegangen, nach dem Motto: Wird schon. Jetzt will sie nichts mehr dem Zufall überlassen. Seit einem halben Jahr hat sie wie viele Spitzenschiedsrichter einen persönlichen Fitnesscoach. Auf das andere Tempo in der Ersten Liga bereitet sie sich durch akribische Teamanalysen vor – Schnelligkeit ist bei Schiedsrichtern auch eine Frage des Wissens: Welche taktischen Systeme bevorzugen die Mannschaften, welcher Spieler hat welche Stärken, spielt ein Team hinten raus oder schlägt es lange Bälle auf einen Stürmer?