Sein Bauch hängt über dem Hosenbund, die Brille müsste er dringend putzen, und das Auto, mit dem er zu unserem Treffpunkt kommt, ist verrostet. Einen Drogendealer stellt man sich anders vor als Hassan.

"Ex-Dealer", korrigiert er – heute beobachte er die Szene nur noch. Wir nicken und folgen ihm einige Kilometer, vorbei an halb fertigen Häusern, schmucklosen Moscheen und Hisbollah-Fahnen, bis zu seinem Haus, in dem seine Frau mit Kaffee und Süßem aus der Küche kommt. Hassan heißt anders, auch der Name seines Heimatortes soll nicht genannt werden. "Schreib Bekaa", sagt er, "das reicht." Irgendwo in der libanesischen Bekaa-Ebene also, in einem Wohnzimmer zwischen kirschroten Kunstsamt-Kissen, beginnt unsere Suche nach der profitabelsten Droge im Nahen Osten. Nicht Haschisch, obwohl davon im Libanon reichlich hergestellt wird. Auch nicht Kokain oder Ecstasy, die in den Beiruter Clubs populär sind. Sondern eine kleine, meist gelblich-weiße Pille: Captagon.

"Schön dass ihr da seid!" Hassan hält ein Plastiksäckchen voller Tabletten in der Hand und verscheucht seinen zweijährigen Sohn, der lautstark ein Eis verlangt. "Es geht ja um ein deutsches Produkt. Von Hitler erfunden." Dieses Produkt, findet er, habe zurzeit einen unverdient schlechten Ruf als Killer-Droge, mit der sich Kämpfer des "Islamischen Staates" angeblich in einen Mordrausch steigern. "Totaler Unsinn", sagt Hassan, "ehrlich!".

Nicht alles stimmt, was Hassan uns über das Drogengeschäft erzählt. In diesem Punkt aber hat er recht: Captagon ist nicht die "Dschihadisten-Pille des IS", wie es in der arabischen Presse und auch in Magazinen wie Newsweek oder Focus heißt. Das verbotene, amphetaminhaltige Aufputschmittel macht euphorisch, verdrängt Angst und Müdigkeit und steigert die Konzentration. Partygänger konsumieren es, übernächtigte Lkw-Fahrer, Schüler im Prüfungsstress oder gelangweilte Hausfrauen.

Nahe der türkisch-syrischen Grenze zeigt ein Schmuggler ein Päckchen Captagon-Pillen. © imago/Le Pictorium

Das Mittel kann abhängig machen und ist bei extremer Überdosierung lebensgefährlich. Doch sehr viel tödlicher als die Droge ist das Geld, das damit verdient wird. Seit Beginn des Konflikts in Syrien spült der Handel mit den Pillen Dollars in die Kassen der Warlords auf allen Seiten. Neben Waffenschmuggel, Geiselnahmen, Schutzgelderpressung und dem Handel mit geplünderten Antiquitäten zählt auch der Drogenhandel zu ihren Devisenbringern. Vor allem der Handel mit Captagon.

Syriens Nachbarschaft ist dafür das ideale Umfeld. Die staatlichen Kontrollen an den Grenzen zum Irak sind zusammengebrochen, die Grenzen zu Jordanien und zur Türkei von Schmuggelrouten durchsetzt. Und im Libanon existieren seit Jahrzehnten Drogennetzwerke. Während des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 verdienten alle Seiten am Schmuggel von südamerikanischem Kokain und afghanischem Opium. In der Bekaa-Ebene kontrollieren mehrere Großfamilien seit Generationen den Haschisch-Anbau. Vor einem Jahrzehnt kam der Handel mit Captagon hinzu. Doch seit etwa vier Jahren registrieren die Experten des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) eine Verschiebung der Produktion nach Syrien.

Die großen Profiteure sind aber weder der "Islamische Staat" noch Al-Kaida. Deren Kämpfer haben Drogenschmuggler in den vergangenen Jahren entweder vor ihre Scharia-Gerichte gestellt oder ihnen an Checkpoints "Steuern" abgeknöpft. Den Großteil des Captagon-Geldes streichen andere ein: Im Herbst 2015 dokumentierten BBC-Reporter, dass die eher säkulare Freie Syrische Armee in großem Ausmaß Captagon verkauft und an ihre eigenen Kämpfer ausgibt. Mit im Geschäft sind auch Angehörige des syrischen Regimes und ihre Verbündete von der libanesischen Hisbollah.

Im Libanon agiert die "Partei Gottes" als verlängerter Arm des Irans, sie ist die stärkste politische und militärische Kraft und kontrolliert den Süden sowie große Teile der Bekaa-Ebene. Ihr Verhältnis zu den wichtigsten Familien des Drogenhandels ist nicht konfliktfrei. Aber die Hisbollah ist über das, was in dieser Gegend passiert, stets gut informiert. Auch über das Treffen zwischen dem kleinen Captagon-Händler und uns ausländischen Journalisten.