DIE ZEIT: Herr Heidel, ein katarischer Staatsfonds, der St. Germain Paris besitzt, hat dem französischen Erstligisten den Stürmerstar Neymar vom FC Barcelona spendiert – für 222 Millionen Euro Ablöse, mit Provisionen und Gehalt für fünf Jahre sind es etwa 500 Millionen. Schön für Sie, dass so viel Geld von außen in den Fußballmarkt fließt?

Christian Heidel: In der Tat kommt es in den Kreislauf, denn Barcelona wird einen Teil des Geldes wieder unter die Leute bringen. Ein Spieler wie der Dortmunder Ousmane Dembélé, der als möglicher Nachfolger von Neymar gehandelt wird, ist dadurch plötzlich im Wert gestiegen und wohl nicht mehr unter 100 Millionen Euro zu haben. Vor zwei Jahren dachte man noch, 100 Millionen für einen Spieler seien so etwas wie eine Schallgrenze. Das ist nun vorbei.

ZEIT: Der europäische Verband Uefa wacht nach eigenen Angaben über ein Financial Fair Play. Demnach sollen die Clubs nur das ausgeben, was sie im operativen Fußballgeschäft erwirtschaften. Kann Paris diese Regel einhalten?

Heidel: Das wird man sehen. Ich kann mir vorstellen, dass Paris auch noch namhafte Abgänge und hohe Einnahmen haben wird. Das derzeitige Transferdefizit von Manchester City ist nicht viel geringer. Ich glaube einfach nicht, dass Paris riskieren wird, aus der Champions League ausgeschlossen zu werden. Die haben mehr Anwälte als Fußballspieler und sind sicher nicht naiv.

ZEIT: Angeblich hat Katar die Transfersumme als vermeintliches Werbegeld direkt an Neymar gezahlt. Mit dieser Provision habe er sich aus seinem Barcelona-Vertrag freigekauft. Hat Paris so die Statuten umgangen?

Christian Heidel, Fußballmanager von Schalke 04 © ddp

Heidel: Die Uefa muss das bewerten. Auf das Ergebnis bin ich mal gespannt. Es würde mich nicht wundern, wenn die Prüfung ausgeht wie das Hornberger Schießen.

ZEIT: 500 Millionen für einen einzigen Spieler erscheinen kaum refinanzierbar. Offenbar wollte hier Katar im arabischen Raum einfach mal die Muskeln spielen lassen und zeigen, was es kann.

Heidel: Die Gefahr besteht, dass Fußballvereine zum Spielzeug werden. Wenn Katar keine Lust mehr auf Paris hat, ist der Geldhahn morgen zu. Bei uns in Deutschland verhindert die 50 + 1-Regel den Einstieg ausländischer Investoren als Mehrheitsgesellschafter. Aber in Italien, bei den beiden Mailänder Vereinen, mischen jetzt auch schon chinesische Unternehmen mit. Es besteht die Gefahr, dass Vereine ihre Identität verlieren.

ZEIT: Der spanische Ligachef Javier Tebas sagt, wenn Katar den Pariser Fans nun Neymar kaufe, sei das so, als würde ein Land die Supermarktkette Carrefour erwerben und an die Kunden Hühner verschenken. Ein guter Vergleich?

Heidel: Hühner? Im Fußball stehen Clubs im Wettbewerb mit Paris. Man muss sich an die Spielregeln halten. Aber vielleicht muss man die Regeln auch ändern, wenn der Wettbewerb gefährdet ist. In Deutschland hat RB Leipzig einst mithilfe von Red Bull eine Spiellizenz in der Oberliga erworben, ein Bundesligastadion zur Verfügung gestellt bekommen und eine einzigartige Infrastruktur aufgebaut. Mit einem tollen Plan hat RB eine Bundesligamannschaft zusammengestellt und ist jetzt bereits in der Lage, eine 70-Millionen-Offerte für seinen Spieler Naby Keita abzulehnen. Leipzig steht im Wettbewerb mit Vereinen wie Borussia Dortmund und Schalke 04. Das sind die Regeln, die wir alle gemeinsam aufgestellt haben.

ZEIT: Was wollen Sie tun?

Heidel: Wir müssen noch mehr Sponsoren akquirieren, noch mehr Tickets verkaufen und natürlich auch Spieler. Wir müssen sehen, dass wir von dieser Explosion der Transfersummen profitieren, und somit sind wir natürlich auch nicht frei von Schuld daran. Vor einem Jahr haben wir Leroy Sané nach England verkauft, für rund 50 Millionen Euro. Nach den neuen Maßstäben war das ja fast ein Schnäppchen.

ZEIT: Gefällt Ihnen denn diese Entwicklung?

Heidel: Ich zähle mich zu den Fußballromantikern, aber mit Realitätssinn. Die Frage ist, ob der normale Fan das noch versteht. Viele halten die Summen im Fußballgeschäft für unmoralisch, verständlicherweise. Aber stellen Sie sich mal vor, Schalke 04 und nicht Paris hätte Neymar präsentiert. Das Ruhrgebiet hätte kopfgestanden. Die Fans hätten uns gefeiert.