Der 1969 in Dresden geborene und heute in Leipzig lebende Dichter und Theologe Christian Lehnert ist von Haus aus nicht mit der Religion in Berührung gekommen. Weder in der Familie noch in Schule und Gesellschaft wurden ihm Pfade ins Reich des Glaubens gewiesen. Wie man weiß, war die DDR mehr als nur ein säkularer, sie war ein atheistischer, um nicht zu sagen ein wissenschaftsfrommer Staat. Doch nur genehme Wissenschaften wurden erlaubt. Die Kirche war für den jungen Lehnert eine abseits liegende Institution. Es hat auch Vorteile, wenn einem der spirituelle Raum, in dem man später einmal seine Begabung erfahren wird, nicht auf konventionelle Weise in die Kindheit hineinragt. So kann es geschehen, dass man noch als Mensch mit reifem Bewusstsein einen primären Zugang zu ihm findet. Das erleben sonst nur Konvertiten. Zuerst ist ihnen die ganze Sache fremd, dann wird sie zum Innersten und Eigenen, zu etwas, das sie deutlicher spüren und besser verstehen als die schon lange damit Vertrauten. Lehnert ist einer, der spät zur Religion kam. Er ist gewissermaßen als Erwachsener in sie eingewandert. Jeder Einwanderer ist auch ein Auswanderer. Er verlässt sein Herkunftsland, weil ihm dort etwas fehlt.

Was aber fehlt dem, dessen geistige Existenz ohne Gottesbezug ist? Lehnert würde sagen: Es fehlt ihm der Sinn dafür, dass ihm was fehlt. Am Ende ist es ein Fehlen am Wort, dem religiösen Wort, am reinigenden, heilenden, tröstenden, fragenden, verheißenden, verwandelnden, nichts verkennenden Wort, einem Wort, das selig macht und nicht aus Menschenmund kommt.

In Lehnerts Reflexionen über Kult und Gebet, eindringlichen Betrachtungen über Gottesdienst und Liturgie, Glaube und Unglaube, "fliegenden Blättern", wie er sie nennt, einem schön komponierten Gedankenbuch, das nichts Utopisches hat, weil es Treue zur biblischen Anthropologie bewahrt, zur Einsicht, dass der Mensch nicht perfektibel ist, einem Buch von großer Lauterkeit und eindrucksvoller religiöser und poetischer Kraft – in ihm heißt es an einer Stelle: "Der Mensch erfährt sich selbst vor dem Gott in seinem Fehlen. Fehlen – ein vergilbendes Verb mit zwei Grundbedeutungen: des Irrens und des Mangels. Jemand fehlt, heißt es in älterem Deutsch – und das kann heißen: Er begeht Fehler, Verfehlungen; diese können sich verketten zu einer fatalen Logik des falschen Lebens. In der Entfremdung, im verfehlten Leben fehlt der Mensch dann auch im Sinne einer Abwesenheit – sein Menschsein, sein eigentliches Wesen ist ihm in seiner Existenz entglitten. In seinen Fehlern fehlt er, fehlt seine Wahrheit."

Aus diesem Zustand heraus schaut der Mensch auf zu Gott. Aber der Gott, den er anruft, ist unsichtbar. Und er antwortet nicht. Und so verdoppelt sich das Defizit, nämlich als ein Fehl auf beiden Seiten. Zuweilen jedoch glückt die Verbindung, sei es von Gott herunter zum Menschen, sei es vom Menschen hinauf zu Gott, und wo sie glückt, ist sie ein Finden im Wort. Auch dort, wo alles schweigend geschieht und die Worte allein im Herzen bewegt werden.

Lehnert macht luzide Erläuterungen zur Natur der religiösen Sprache. In manchen Partien des Buches erscheint der Autor wie ein Roberto Calasso des unverbrauchten Protestantismus, ebenso fein, ebenso tief, ebenso klar. Die Textsammlung ist analog zum kirchlichen Messgesang gebaut, der Matrix allen liturgischen Sprechens. Das gibt dem Ganzen die schöne Fassung und den assoziativen Reichtum. Es prägt auch die ihm anhaftende Stimmung, mal in Moll wie in der großen Messe von Bach, mal in Dur wie in der Krönungsmesse Mozarts.

Dass Lehnert nicht nur Seelsorger, sondern vor allem Dichter ist, macht sein Buch zu etwas besonders Kostbarem. Denn was ist der Dichter anderes als ein Hörender, ein auf die Sprache Hörender, die Sprache als das "Haus des Seins". Und das gilt auch für die geistliche Rede und die in sie eingewebte Grammatik der Gesten und Gebärden, in der alles auf das gottgegebene Sein verweist. Lehnert ist hier zu einer ganz eigenen Kunst der Auslegung gelangt. Ihr Herz bildet die ewige Unruhe des Fragens nach dem Numinosen. Das ist es auch, was ihn als Geistlichen gegen die von ihm selbst registrierte "ekklesiologische Depressivität" des heutigen Protestantismus immunisiert. Denn niemand anders als die Dichter bewahren sich die Naivität und den Frohsinn des staunenden Kindes. Das ist nicht nachahmbar, aber es erinnert – nehmen wir Novalis – an so manchen, der voranging.

Wenn ich Lehnerts Miniaturen der theologischen Ehrfurcht als Ganzes bedenke, kommt mir einer der schönsten Ausrufe des Staunens aus der Scholastik in den Sinn. Er ist von Anselm von Canterbury und lautet: Gottes Existenz ist unfassbar; aber noch unfassbarer ist Gottes Nichtexistenz. Etwas davon vibriert im Untergrund dieses befreienden Buches. Und so ist es nicht nur für Gottes Hausgenossen gemacht.

Christian Lehnert: Der Gott in einer Nuß. Fliegende Blätter von Kult und Gebet; Suhrkamp, Berlin 2017; 237 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €