"Papier für Flipcharts! Wissen Sie, so Aufsteller, wo man Papier dranhängt und was draufschreiben kann?!"

"Ham wa nich!", motzt die Frau im Karstadt am Hermannplatz, Berlin-Neukölln, am Samstagabend. Scheren, Klebeband, Stifte, ein Banner mit der Aufschrift "Demo" und drei Kisten Sekt stehen schon im geliehenen Kleinwagen. "Wat wa ham, ist Packpapier, in Rollen. Da könnense sich wat abschneiden." Eine halbe Stunde später liege ich in meinem Wohnzimmer und schneide Packpapier in flipchartgroße Streifen. Zwanzigmal. "Demo" hat mich nicht nur zur Viel-Mailerin und Viel-Telefoniererin gemacht, sondern auch zu jemandem, der Bastelutensilien, Sticker und Flyer hortet. Morgen soll aus dem Ich, das "Demo" bisher ist, offiziell ein Wir werden. Freunde, Bekannte, Fremde haben mir in den vergangenen Wochen ihre Hilfe angeboten, meine Aufrufe kommentiert und geteilt. Innerhalb einer Woche gewann "Demo" tausend Follower auf Facebook. Trotzdem hatte die Bewegung nur ein aktives Mitglied – mich. Bis sich einige Freundinnen anschlossen und "Demo" zu einem demokratiebewegten Freundeskreis wurde. Dabei wollte ich mit "Demo" doch raus aus der Welt, die mich umgibt. Ich wollte die Filterblase sprengen. Also rief ich zu einem Kick-off-Treffen auf und mietete dafür das Berliner Beta-Haus.

Am nächsten Morgen, als mein Freund und ich um 10.40 Uhr am Betahaus ankommen, es ist ein kalter Wintertag, sind schon zwei Besucher da: eine Frau um die sechzig namens Barbara und Sabrina, eine Feier-Bekanntschaft von früher, die heute Grafikdesignerin ist und anbietet, "Demo" ein Logo zu basteln. Zu viert verteilen wir Stühle und Tische im Raum, legen Arbeitsmaterialien aus. Eine Viertelstunde später stemme ich die schweren Stahltüren des Raums auf und gehe nach draußen. Auf dem Parkplatz um die Ecke stehen bestimmt vierzig Leute. Ein Abiturientenpaar, das mit dem Bus aus Stuttgart gekommen ist. Eine Hotelfachfrau aus Erfurt. Vierzig Fremde aus Berlin, Hamburg, Jena, Köln, die Teil einer Jugendbewegung sein wollen. Da steht es endlich, das Wir, auf einem leeren Parkplatz in Kreuzberg, verschlafen und ein bisschen schüchtern. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass aus dieser wahnwitzigen Idee etwas werden könnte.

Zwei Stunden später stehe ich immer noch vor den mittlerweile fast fünfzig Leuten und beantworte Fragen. Vor allem geht es um "Demos" Überparteilichkeit. Theoretisch finden die Leute sie gut. Praktisch ist ihnen das zu wenig Anti-AfD. "Wir wollen die Spaltung nicht vertiefen, sondern mit den Menschen, die mit der AfD sympathisieren, ins Gespräch kommen", paraphrasiere ich immer wieder. Ich muss mich sehr anstrengen, nicht genervt von dem vielen Gerede zu sein. Es erinnert mich an meine Zeit am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität, an Redelisten und stundenlange Diskussionen um kleinste Kleinigkeiten. Aber allmählich erkenne ich, dass die Menschen "Demo" mit jeder ausdiskutierten Frage ein wenig näher kommen. Ich hole mir einen Stuhl, wir diskutieren weiter. Sie wollen sich der Sache sicher sein, für die sie sich engagieren.

Denn "Demo" ist nicht die einzige Bewegung, die sich rund um Trump und das Superwahljahr 2017 gegründet hat. Unzählige Initiativen, Stammtische, Bündnisse sind in diesen Wochen des politischen Katers entstanden. Der Wahlkampf von Emmanuel Macron und seiner Bewegung hat Fahrt aufgenommen, die Empörung Kräfte freigesetzt. Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch von der Uni Potsdam wird Monate später neben mir auf einem Podium sitzen und sagen, dass die Demokratie sich seit Brexit und Trump in einem historischen Umbruch befindet: "Viele Menschen fühlen sich nicht mehr angemessen vertreten. Das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zu den politischen Parteien wird derzeit neu ausgelotet."

Wir diskutieren immer noch, als der kleine Bruder einer Freundin aufspringt und sagt: "Leute, hier geht’s doch darum, endlich mal was zu machen und nicht immer nur zu reden, oder? Wollen wir nicht einfach mal loslegen?" Er heißt Khaled, ist 24, ein Informatikstudent im Hoodie. Neben ihm sitzt seine Freundin Monika, schwarzer Bob und Pony, auch 24, und von Beruf Millennial Activist in einer Strategieberatung für neues Arbeiten. Kaffeepause.

Khaleds Ausruf hat gewirkt: Gegen 14 Uhr beginnen die Leute in Gruppen über Aktionen, Workshop-Formate, die Website zu diskutieren. Ich will kurz in der hinteren Ecke des Raumes auf dem einzigen Sofa verschnaufen, da nimmt mich ein großer, junger Mann mit blonden Locken zur Seite. Er ist gerade der FDP beigetreten und bietet mir an, für "Demo" einen Sprint-Plan zu erstellen, so wie sie es in dem Start-up machen, für das er arbeitet. "Schließlich ist "Demo" ja nichts anderes als ein Demokratie-Start-up, und du bist der CEO", sagt er und packt sein MacBook aus. "Ich, der CEO? Nee ...", sage ich, als ein Mitte-Zwanzigjähriger mit hochgekrempelten Jeans und rasiertem Kopf zu mir kommt und wissen will, ob sie "Demos" Manizept, eine Mischung aus Manifest und Konzept, umschreiben können. "Ja! Schreibt alle eure Ideen rein!", sage ich. Der Rasierte geht, der Gelockte sagt: "Siehst du, ohne dich entscheidet hier keiner was!" Ich will keine Anführerin sein. Das ist mir zu viel Verantwortung und zu wenig Gemeinsinn. Geht es nicht auch mal ohne eine Galionsfigur, die im Zweifel den ersten Schuss abkriegt?

Gegen halb fünf stellt eine Gruppe das überarbeitete Manizept vor. Ihnen waren ein paar Formulierungen zu vage. Andere fanden sie zu hart, darunter diese hier: "Weil Jungsein immer noch bedeutet, mehr Spaß zu haben als die Alten." Wochen später landet das Manizept in meinem Postfach, alle Änderungen wurden rückgängig gemacht. Dazu zwei Sätze: "Ich glaube, es sollte alles so bleiben, wie es ist. Hauptsache, wir machen was!" Geschickt hat es einer, der sich in der Regionalgruppe Thüringen engagiert.

Am Ende des Tages im Beta-Haus haben wir viele Ideen, aber kaum jemanden, der verspricht, sie weiterzuverfolgen. Monika und Khaled wollen "Demo" eine Website bauen. "Einen schicken One-Pager", wie Khaled sagt. "Und ich richte uns Slack ein", sagt Moni, "damit wir alle im Gespräch bleiben können." Slack ist eine Kommunikationsplattform für Unternehmen.

Als ich an dem Abend im Bett an meinem Handy sitze, bin ich aufgekratzt. Ich poste auf Facebook: "'Demo' lebt!" Dass von den fünfzig Leuten, die wir heute waren, nur vier bei "Demo" bleiben, kann ich mir noch nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Energie wieder verpuffen wird, die kurz nach Trumps Amtseinführung, kurz vor den Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich herrscht. Ich kann mir nicht vorstellen, wie schwer es ist, eine Bewegung zu bewegen.

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