Japan galt immer als gerechtes Land, da die Einkommensunterschiede gering waren. Fast alle Japaner betrachteten sich als Teil der Mittelschicht. Ein Mann konnte eine Familie ernähren und die Ausbildung von mindestens zwei Kindern bis zum Universitätsabschluss finanzieren. Die Ehefrau, die das Geld klassischerweise verwaltete, gab ihm dafür ausgiebig Taschengeld.

Seit dem Platzen der japanischen Blasenökonomie in den späten 1980er Jahren hat sich das Blatt gewendet. Für immer mehr junge Menschen sind weder Haus noch Familie finanzierbar. Sie stecken in prekären Beschäftigungsverhältnissen fest. Gleichzeitig wächst die Anzahl der Millionäre, die gerne auch einmal auf eine 200.000-Euro-Kreuzfahrt gehen.

Für den Auf- und vor allem Abstieg aus der Mittelschicht ist die Zentralbank verantwortlich. Die Bank von Japan hat in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre mit niedrigen Zinsen einen Spekulationsboom auf den Aktien- und Immobilienmärkten bewirkt, in dessen Verlauf sich alle reicher fühlten. Zu Spitzenzeiten hatte der Kaiserpalast in Tokio den Wert von ganz Kalifornien. Mit dem Platzen der Blase Anfang der 1990er Jahre schlitterte Japan in eine tiefe Krise, die die Bank von Japan durch immer noch mehr billiges Geld zu therapieren suchte. Nach nun bald 30 Jahren Geldschwemme zeichnet sich die Erosion der Mittelschicht ab.

Obwohl seit dem Platzen der Blase die japanischen Aktien- und Immobilienpreise lange gefallen sind, haben sich einige reiche Japaner gut auf den florierenden internationalen Finanzmärkten positioniert. Auch die älteren Arbeitnehmer sind zufrieden. In der Vergangenheit hatte ein hohes Zinsniveau die Unternehmen zu Innovationen und Effizienzsteigerungen angespornt. Dies bewirkte hohe Produktivitätsgewinne, die die Grundlage für hohe Lohnsteigerungen und lebenslange Beschäftigung für fast alle waren.

Gunther Schnabl ist Professor an der Universität Leipzig. © PR

Die Geldschwemme hat jedoch die Innovationskraft der Wirtschaft gelähmt. Eine wachsende Anzahl von "Zombie-Unternehmen" ist nur lebensfähig, weil sie durch billige Kredite von "Zombie-Banken", die am Tropf der Zentralbank hängen, am Leben gehalten werden. Diese Politik konnte zwar Arbeitslosigkeit verhindern, doch die Produktivitätsgewinne sind dahin. Seit der Finanzmarktkrise im Jahr 1998 sinkt das reale Lohnniveau. Vor allem die Löhne für Neueinsteiger gehen nach unten. Der Anteil der prekären Beschäftigungsverhältnisse hat sich von 20 Prozent Mitte der 1980er Jahre auf heute 40 Prozent verdoppelt. Vor allem die Jungen sind betroffen.

Der Keil, der so in die Gesellschaft getrieben wird, wirkt auf die Geburtenraten. Einerseits meiden viele junge Männer mit geringen und unsicheren Einkommen den Heiratsmarkt. Sie fürchten die materiellen Erwartungen der potenziellen Partnerinnen und bleiben lieber als "Parasitensingles" bei den Eltern wohnen. Junge Paare haben oft nur ein Kind, weil ein zweites aufgrund hoher Schul- und Universitätsgebühren den Abstieg aus der Mittelschicht bedeuten würde.

Die japanische Regierung versucht den desaströsen Einfluss der geringen Geburtenraten auf das Renten- und Gesundheitssystem mit Subventionen auszugleichen. Da dies bei dem schwachen Wachstum und den niedrigen Geburtenraten zur finanziellen Herkulesaufgabe geworden ist, muss die Zentralbank noch mehr Geld drucken. Sonst wäre der Staat bankrott. Ein Teufelskreis.

Europa sollte das Beispiel Japan eine Warnung sein. Denn auch die ultralockere Geldpolitik der EZB dämpft mittlerweile die Produktivitätsgewinne. Einstiegslöhne sinken, prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, und die Immobilienpreise schießen nach oben. Viele junge Menschen in Europa reagieren, indem sie die Familienplanung nach hinten verschieben. Dagegen hilft nur ein Ende der Niedrigzinspolitik – für die junge Generation.