Ein ungelöster gesellschaftlicher Konflikt erzeugt seine eigenen Wirklichkeiten: Diesem Muster folgt nun auch die Aufarbeitung der Ausschreitungen während der G20-Tagung. Hier die Schilderungen der Polizei von einer völlig neuen Qualität der Gewalt seitens krimineller Demonstranten – dort Geschichten, die in der Szene der Linken kursieren und von unfassbarer Brutalität der Polizei handeln. Um so wichtiger ist es, die Sachverhalte zu klären: Jeder hat ein Recht auf seine eigenen Bewertungen, aber niemand auf eigene Tatsachen.

Eine normalerweise seriöse Tageszeitung spielt bei der Aufklärung gerade eine unglückliche Rolle. Der Süddeutschen Zeitung wurde das Video eines Polizeieinsatzes zugespielt, die Redaktion hat es ausgewertet und dabei offenbar nicht sonderlich genau hingeschaut.

Es geht um einen Einsatz, der für die Aufarbeitung der Krawalle zentral ist: eine Konfrontation zwischen Polizei und Autonomen am Morgen des Gipfelbeginns, unweit eines Zeltlagers der G20-Gegner. Sie endete mit zahlreichen Festnahmen und etlichen verletzten Demonstranten, vor allem aber damit, dass ein Teil der Demonstranten unerkannt verschwand – und wenig später, so vermutet es jedenfalls die Polizei, an der Elbchaussee wieder auftauchte und Autos der Anwohner in Brand setzte.

Nach Darstellung der Polizei verlief ihre Begegnung mit diesem schwarzen Block ungewöhnlich. Normalerweise bleibe Zeit, nach einem Versammlungsleiter zu fragen und sich mit ihm nach Möglichkeit über den Demonstrationsverlauf zu verständigen. In diesem Fall aber seien die Beamten unvermittelt angegriffen worden. Es setzte, so erklärte es ein Vertreter der Innenbehörde später im Innenausschuss der Bürgerschaft, "sofort ein massiver Bewurf ein, als eine Distanz von circa 50 Metern erreicht war".

Das, behauptet nun die Süddeutsche Zeitung, sei unwahr. Die eigenen Bildaufzeichnungen der Polizei zeigten einen völlig anderen Verlauf: "Was man in dem Video nicht sieht: einen einzigen Steinwurf. Oder eine einzige Flasche. Unmittelbar angegriffen wurde – zumindest vor dem Sturm der Polizei, kein Beamter. Man würde es sehen."

Diese Darstellung, Pardon, Kollegen, ist falsch. Die Redaktion dieser Zeitung hatte ebenfalls Gelegenheit, die fraglichen Aufzeichnungen zu sichten. Zu erkennen ist, dass mindestens ein Demonstrant einen Stein auf die Polizei schleuderte, ehe deren Kräfte sich in Bewegung setzten.

Genauso falsch ist allerdings die Darstellung der Polizei. Von einem "massiven Bewurf" vor Beginn des Einsatzes kann nicht die Rede sein. "Das Wort 'massiv' würde ich streichen", sagte ein Polizeivertreter der ZEIT auf Nachfragen.

Ein einzelner Steinwurf oder harmlose Pyrotechnik mögen illegal sein, sie gehören aber zu den gängigen Drohritualen der militanten Szene – und bei vielen anderen Gelegenheiten haben Hamburger Einsatzkräfte angesichts solcher Rechtsverstöße versucht, die Lage zu beruhigen. In diesem Fall hat die Polizei sich für eine andere Vorgehensweise entschieden. Dafür mag es Gründe gegeben haben – nur die Behauptung, die Demonstranten hätten das massive Vorgehen der Beamten erzwungen, ist offensichtlich falsch.

Das Polizeivideo zeigt allerdings noch mehr: Nach dem Einsatz, der eher Sekunden als Minuten dauerte, ist der Weg, den die Beamten von ihren Fahrzeugen bis zur vordersten Front des schwarzen Blocks zurückgelegt haben, übersät mit Steinen. Die Demonstranten müssen sie bei sich getragen und geworfen haben. Das Versammlungsrecht erlaubt es Bürgern, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Auf dieses Recht konnten sich diese Demonstranten nie berufen.

Ein falscher Bericht in einer Zeitung ist ärgerlich, eine falsche Darstellung eines wesentlichen Sachverhalts durch Beamte gegenüber dem Parlament ist erheblich schlimmer. Ohne Not haben die Sicherheitskräfte in ihrer Schilderung des umstrittenen Einsatzes die eigene Glaubwürdigkeit beschädigt. Warum nur? Auch das bleibt zu klären.