Der Beitrag in der aktuellen Emma, um den es geht, ist vom ehemaligen Gender-Studenten Vojin Saša Vukadinović verfasst und basiert auf der Textsammlung Beißreflexe. Darin kritisieren Queer-Aktivisten ihre eigene Szene. Bereits als das Buch erschien, gab es heftige Kontroversen, wurde den Autoren Gewalt, ja "Waffengewalt" angedroht. Nun, nachdem Emma der Debatte Raum gegeben hat, reagierten Judith Butler und Sabine Hark persönlich und antworteten in der ZEIT. Und sie reagierten heftig.

Die Chefdenkerin der Queer-Theorie, Judith Butler, unterstellt Emma nicht nur undifferenziertes Denken und "Hassreden", sondern sogar Rassismus. Ein Argument, das uns definitiv ins Unrecht setzen soll. Bezeichnend auch, dass es in dem Text vor allem um die Form und kaum um Inhalte geht. Und das wohl nicht zufällig in einer schwer zugänglichen, selbstreferenziellen Sprache, die nicht auf Kommunikation oder gar Verständnis angelegt ist. Der Linguistin Butler müsste das bewusst sein.

Doch der Reihe nach. Worum geht es eigentlich wirklich? Es geht um zwei Sichten auf die Welt, um gegensätzliche politische Konzepte. Das verdeutlicht sich an drei Themen: den Geschlechtern, den Juden und den Muslimen. Immer ist da eine Kluft: eine Kluft zwischen (hehrer) Theorie beziehungsweise Ideologie und (niederer) Wirklichkeit.

Ich kann nicht voraussetzen, dass alle ZEIT-Leser mit den Gender-Theorien vertraut sind, denn die sind außerhalb des akademischen Milieus entweder unbekannt oder zur Karikatur verzerrt. Ersteres liegt auch daran, dass die Gender-Theorien sich einer lebensabgewandten, elitären Sprache bedienen – die Kritik an der Herrschaftssprache aus den sechziger Jahren scheint vergessen. Letzteres liegt daran, dass sie an den Grundfesten der Geschlechterordnung rütteln. Wir Feministinnen kennen das. Wir tun das ja schon länger.

Hier also in groben Zügen die Positionen. Der 1990 erschienene Essay Das Unbehagen der Geschlechter von Butler löste den Wechsel von der Frauen- oder Geschlechterforschung zur "Gender-Forschung" aus. Dabei handelte es sich nicht wirklich um einen Paradigmenwechsel, eher um neue Begrifflichkeiten für das alte Problem. Das (biologische) Geschlecht und die (soziale) Geschlechterrolle hießen nun sex and gender, Begriffe aus der amerikanischen Sexualforschung. Für Butler ist nicht nur Gender relativ, sondern auch Sex; also nicht nur die Geschlechterrolle, sondern auch das Geschlecht selbst. Was konsequent ist. Denn in dem Moment, wo die Geschlechterrolle nicht mehr zwingend an ein biologisches Geschlecht gebunden ist, verliert es seine Bedeutung.

Butler ist beileibe nicht die Erste, die so argumentiert, handelt es sich bei der Infragestellung des "kleinen Unterschiedes" doch um den Kern des feministischen Denkens. So schrieb Simone de Beauvoir schon 1949 in Das andere Geschlecht den Jahrhundertsatz: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es." Will sagen: Geschlecht ist nicht biologisch, sondern kulturell, ist Prägung; konstruiert, wie es heute heißt – kann also auch dekonstruiert werden. Könnte.

Und genau an dieser Stelle fängt das Problem mit Butler und ihrer Anhängerschaft an. Sie halten ihre radikalen Gedankenspiele für Realität. Sie suggerieren, jeder Mensch könnte hier und jetzt sein, wonach ihm gerade zumute ist. Und er, der Mensch, müsse auch keinesfalls wählen zwischen zwei Geschlechtern, schließlich gäbe es viele Spielarten und Facetten der Geschlechteridentität. Einfach queer sein!

Was für ein schöner Gedanke. Einfach Mensch sein. Das wär’s doch. Die feministische Utopie an sich.

Doch die Verhältnisse, die sind nicht so. Leider sind wir in der bunten Welt der Queerness noch nicht angekommen. Noch sind Menschen in den Augen der anderen – meist auch in ihren eigenen – Frauen oder Männer (und nur selten, wenn auch zunehmend, dazwischen). Oder weiß, schwarz et cetera. Doch so allgegenwärtig in der Queerszene die Sensibilität für Rassismus ist, so abwesend ist der Sexismus, das Wissen um das Machtverhältnis der Geschlechter. Ja selbst das Wort "Frau" ist abgeschafft oder nur noch mit einem angehängten * zulässig. Will sagen: Frau soll jeder Mensch, der sich situativ als Frau versteht, sein können – unabhängig von Sozialisation und Biologie.

In der Realität jedoch sind die weiblichen Menschen in unserer Kultur weiterhin die Anderen, es gilt für sie ein anderes Maß als für Männer. Entsprechend sind sie zum Beispiel in erster Linie zuständig für Einfühlsamkeit und Fürsorge, Kinder und Haushalt, sie verdienen weniger und können selbst in Liebesbeziehungen Opfer von (sexueller) Gewalt werden. In anderen Kulturen – wie in islamischen, in denen die Scharia Gesetz ist – geht es noch viel ärger zu. Da sind Frauen vollends relative Wesen, sind rechtlose Mündel von Vater, Bruder oder Ehemann, werden in den fundamentalistisch-islamischen Ländern unter das Kopftuch oder den Ganzkörperschleier gezwungen und aus dem öffentlichen Raum verbannt. Sie riskieren schon beim kleinsten Ausbruch aus der Frauenrolle ihr Leben.

Diese Verhältnisse werden von Butler im Namen einer "Andersheit der Anderen" gerechtfertigt. So erklärte die in Berkeley lebende und lehrende Butler 2003 in einem Interview zum Beispiel zur Burka: "Sie symbolisiert, dass eine Frau bescheiden ist und ihrer Familie verbunden; aber auch, dass sie nicht von der Massenkultur ausgebeutet wird und stolz auf ihre Familie und Gemeinschaft ist." Und weiter im O-Ton: "Die Burka zu verlieren bedeutet mithin auch, einen gewissen Verlust dieser Verwandtschaftsbande zu erleiden, den man nicht unterstützen sollte. Der Verlust der Burka kann eine Erfahrung von Entfremdung und Zwangsverwestlichung mit sich bringen."

Das geriert sich einfühlsam und edel, ist aber lebensfern und zynisch. Die algerische Politikerin Khalida Toumi (ehemals Messaoudi) nennt diese Art von Kulturrelativismus die "Kulturfalle": zweierlei Maß in Sachen Menschen-/Frauen-Rechte im Namen einer kulturellen Differenz.