Uns gibt es nicht. Die Generation Y ist eine Erfindung, der Versuch, eine ganze Generation zu fassen zu bekommen. Dabei sind wir viele, und wir sind vielschichtig. Und das hier festzuhalten, diese Einsicht voranzustellen, das ist wohl typisch Generation Y. Typisch für die Generation Y ist auch, alles bei Wikipedia nachzuschlagen: "Generation Y (kurz Gen Y oder Generation Me) wird die Bevölkerungskohorte beziehungsweise Generation genannt, die im Zeitraum von etwa 1980 bis 1999 geboren wurde. Je nach Quelle wird diese Generation auch als Millennials (zu Deutsch etwa die Jahrtausender) bezeichnet. Welche Eigenschaften Mitgliedern dieser Gruppe zugeschrieben werden können, wird in der Fachliteratur und anderen Medien vielfältig diskutiert."

Vor uns waren die Babyboomer (etwa bis 1965) und die Generation X (etwa bis 1980). Es hieß einige Zeit, sie lege Wert auf flexible Arbeitszeiten, mehr Familienzeit, wäre zwar engagiert, würde aber doch ihre Selbstverwirklichung nicht nur im Beruf finden, sondern auch in ihren Freizeitaktivitäten. Eine Studie des Beratungsunternehmens Kienbaum unter Hochschulabsolventen stellte 2015 fest, dass zwei Drittel der Befragten Wert auf ein gutes Klima in der Kollegenschaft legen, 61 Prozent sei eine gute Work-Life-Balance wichtig und 59 Prozent bevorzugten "attraktive Karrieremöglichkeiten". Diese Zuschreibung ist inzwischen widerlegt. Sie war wohl mehr Ausdruck der subjektiven Einschätzung einiger Babyboomer als ein repräsentatives Abbild einer Generation. Zum Glück stellte die "Vermächtnisstudie" der ZEIT 2016 fest: Die Generation Y gibt es nicht! Die Zahlen gaben einfach keine signifikanten Unterschiede zu anderen Altersgruppen her. Tja.

Dabei klingt vieles von dem, was über die Generation Y gesagt und geschrieben wurde, grundsätzlich sehr sympathisch. Der Gesellschaft stünde mit ihr, würde sie den Zuschreibungen entsprechen, eine entspannte und soziale Zukunft bevor. Endlich würde der Traum wahr: weniger Arbeit bei gleichbleibendem Wohlstand. Schuften müssten ab sofort nur noch Roboter. Ora sine labora. Schade eigentlich, dass all das nicht wahr sein soll.

Eine Studie des Roman-Herzog-Instituts, die im Herbst 2016 vorgestellt wurde, legte dar: Die Unterschiede zwischen den Generationen X und Y seien nicht am Alter festzumachen, sondern vielmehr an der unterschiedlichen Qualifikation. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht in Bezug etwa auf ihre Lebenszufriedenheit oder die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren. Lediglich bei Jugendlichen ohne Ausbildung sei ein höherer Grad an Zukunftssorgen nachzuweisen als bei der Generation X. Die Ypsiloner seien demnach fleißig und dienstbeflissen wie alle anderen auch. Sie neigten sogar dazu, im Eifer mehr Arbeit mit nach Hause zu nehmen und ständig erreichbar zu sein, wie es in einem Generationenporträt der ZEIT hieß. Der Technik sei Dank. Wir wachen morgens mit dem Smartphone in der Hand auf und schlafen abends damit ein. Es weckt uns, es weist uns den Weg, wir chatten, lesen und telefonieren damit. Müssen wir ein altes gegen ein neues Modell tauschen, kommt das einer Organtransplantation gleich.

Nicht nur unsere Telefone sind mobil, wir selbst sind es auch. Die innerdeutsche Grenze kennen die meisten von uns nur noch aus Erzählungen. Als Kinder sind wir auf der einen oder anderen Seite aufgewachsen. Aber Schlagbäume gehören für uns der Geschichte an wie die Deutsche Mark. Trotzdem hat uns die deutsch-deutsche Geschichte geprägt und bestimmt unser Leben – auch unseren Glauben – bis heute. Christinnen und Christen der Generation Y in Ostdeutschland kannten die Diaspora bereits als Kind, sie erinnern sich womöglich noch an Nachteile, die sie hatten, weil ihre Eltern in die Kirche gingen und sie nicht bei den Pionieren waren. Für sie war der Mauerfall auch ein gesellschaftliches Bekehrungserlebnis. Plötzlich durfte man öffentlich glauben. Der erste Kirchentag im Osten, 1996 in Leipzig, war eine Glaubensdemonstration, bei der niemand mehr Repressalien zu fürchten hatte.

Auch in Europa bewegen wir uns frei. Wir waren im Familienurlaub oder Schüleraustausch in Dänemark, den Niederlanden, Belgien, Frankreich, der Schweiz, Österreich, Italien, Tschechien oder Polen. Manche flogen sogar schon nach Spanien, Griechenland oder in die Türkei. Nach dem Abitur entdeckten wir für die Auslandserfahrung im Lebenslauf mit Weltwärts andere Kontinente und die alten Kolonien. Widerwillig mobil geworden sind die Geflüchteten, die von den meisten Analysen zur Generation Y bisher noch ausgeblendet werden. Denn eigentlich interessieren sich die Generation-Y-Versteher oft nicht ernsthaft für die ganze Generation, sondern sorgen sich wahlweise eher um die Wirtschaftsleistung der Republik, um einen Platz auf der Bestsellerliste oder um ihre Rente. Selbst sogenannte Gastarbeiterkinder spielen – genau wie Hauptschüler – in diesen Büchern, Artikeln, Zeitschriften und Filmen keine Rolle. Es wirkt häufig so, als werde lediglich die eigene Zielgruppe abgebildet und gespiegelt, damit sie sich möglichst bestätigt fühlt und "Gefällt mir" klickt. Sie alle erheben dennoch ohne Wimpernzucken den Anspruch, eine ganze Generation einzusortieren.

Auch ein Spezifikum dieser Generation: Über die eigene Blase hinauszublicken, auch Menschen abzubilden und zu erreichen, die uns selbst unähnlich sind, ist uns offenbar unmöglich. Dennoch gibt es Schnittmengen, Ereignisse, die viele in unserem Alter verbinden. Uns gibt es nicht, aber ein "Wir" gibt es schon.

Wir, die wir die Enkel der Weltkriegsgeneration sind und damit auch die letzten, die Zeuginnen und Zeugen, Täterinnen und Täter und auch Opfer der deutschen Schuldgeschichte persönlich befragen können. Wir, die wir den Deutschen Herbst nicht mehr unbedingt mit linkem Terror verbinden. Der deutsche Terror unserer Generation kommt von rechts. Das Ausmaß des NSU-Skandals müssen wir jedoch erst noch realisieren, bevor wir ihn dann hoffentlich aufarbeiten. Unsere Augen sind so sehr auf den internationalen Terrorismus im Namen des Islams konzentriert, dass wir den Terror, der sich christlich-fundamentalistisch oder ausländerfeindlich begründet, verdrängen.