Frage: Herr Professor Dabrock, amerikanische Wissenschaftler haben erstmals erfolgreich einen Gendefekt bei menschlichen Embryonen korrigiert. Ein ethisch sehr umstrittener Eingriff. Spüren Sie als Ethiker momentan einen neuen Druck in der biomedizinischen Debatte?

Peter Dabrock: Ja, es ist ein Hype in der Wissenschaft ausgebrochen. Das liegt vor allem an den gewaltigen Fortschritten in der sogenannten Genchirurgie in den letzten Jahren. Ich vergleiche es mit einem Wettlauf zum Mond: Da will momentan jeder der Erste sein.

Frage: Die Genchirurgie ermöglicht es, dass Mediziner viel umfangreicher ins menschliche Erbgut eingreifen können als bisher. Wo liegen die Chancen?

Dabrock: Mit den neuen Methoden können viel genauer und kostengünstiger als früher Veränderungen an Genen vorgenommen werden. Man spricht deshalb von Genchirurgie, weil sehr präzise ganz bestimmte Gene verändert werden können, die für Krebserkrankungen oder Erbkrankheiten verantwortlich sind. Die Hoffnung ist, dass sich damit Krebsarten heilen lassen. Weiter plant man, zu verhindern, dass bestimmte Krankheiten weitervererbt werden. Doch es wird noch dauern, bis all diese Visionen umgesetzt werden können. Zudem ist noch unklar, welche unerwünschten Nebeneffekte auftreten können. Da wirft die Forschung noch große ethische Fragen auf.

Frage: Sie sehen vor allem große Risiken in der Genchirurgie?

Peter Dabrock ist evangelischer Theologe und Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er wurde 2016 zum Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates berufen. © Deutscher Ethikrat

Dabrock: Nicht nur, denn es wäre ein Fehler, die vielversprechenden neuen Möglichkeiten zu verdammen. Man muss ihre Risiken aber auch sehr genau bewerten: Ein entscheidender Punkt ist, wo die Veränderungen mit der neuen Genschere vorgenommen werden. Geht es darum, Zellen von Erwachsenen mithilfe der Genchirurgie zu verändern, ist das sicher aus ethischer Sicht vertretbar. Auf diesem Weg könnte man etwa Tumorzellen ausschalten und so bestimmte Krebsarten viel effektiver bekämpfen. Zu den erwähnten Nebenwirkungen, die aber auch bei etablierten Therapien auftreten können, muss noch sehr intensiv geforscht werden. Diese Forschung ist aber richtig und geht auch ohne eine Aufweichung des Embryonenschutzes. Ganz anders bewerte ich Eingriffe in die sogenannte Keimbahn eines Menschen.

Frage: … an solchen Zellen also, aus denen später menschliche Ei- und Samenzellen heranreifen …

Dabrock: Ja, so wie im aktuellen Fall der Forscher aus Portland arbeiten einige Wissenschaftler vor allem in den USA und im asiatischen Raum daran, mithilfe der Genchirurgie Änderungen in der Keimbahn vorzunehmen. Da gibt es erstaunlich wenig Zurückhaltung, sondern eher den Willen, der Erste zu sein. Aus ethischer Sicht ein großes Problem: Wir müssen immer die Risiken abschätzen können, um eine medizinische Methode als vertretbar bewerten zu können.

Frage: Was befürchten Sie?

Dabrock: Man kann sich natürlich rein theoretisch vorstellen, dass bestimmte Impfungen, wenn sie einmal an Embryonen vorgenommen wurden, genetisch vererbt werden könnten, etwa im Fall von HIV. Aber das und andere Therapien beinhalten unabsehbare Risiken.

Frage: Welche Risiken meinen Sie?

Dabrock: Wir haben im letzten Jahrzehnt staunend zur Kenntnis nehmen müssen, wie kompliziert das Leben und auch die Vererbung ist. Vererbung findet auch jenseits der Gene statt. Für diese bahnbrechende Einsicht hat sich die Forschung der Epigenetik etabliert. Wenn man also die Gene ändern will, müsste man auch wissen, welche Auswirkungen diese Änderung auf das Lebewesen insgesamt hat. Das weiß man aber oft erst – und das lehrt beispielsweise die Epigenetik – in der zweiten Lebenshälfte. Manchmal weiß man es erst zwei, drei Generationen später. Für unsere Risikoeinschätzung von Versuchen bei Menschen heißt dies: Wir müssten Jahrzehnte warten, um so etwas auf breiter Front zu erlauben. Und die ersten Versuche, die dürfte es eigentlich gar nicht geben, weil sie frühestes menschliches Leben einem Risiko aussetzen, obwohl es nicht gefragt werden und eine Einwilligung geben konnte. Die aktuelle Debatte über die Genchirurgie verläuft da aus meiner Sicht zu einseitig.

Frage: Was stört Sie?

Dabrock: International hat sich die Stimmung geändert: Solche grundsätzlichen Bedenken gegenüber dem möglichen Risiko werden immer weniger gestellt. Stattdessen drehen sich die Debatten um Fragen wie: Müssen wir zwischen Eingriffen zur Therapie und denen zur Perfektionierung des Menschen unterscheiden? Doch solche Fragen setzen als geklärt oder bald geklärt voraus, was alles andere als geklärt ist: Werden wir überhaupt so weit kommen, dass Keimbahneingriffe ein vertretbares Risiko darstellen? Ich glaube, dass wir das Risiko nicht tragen können. Wir würden allerdings eine andere Ausgangslage erhalten, wenn irgendwo auf der Welt die Forschung wider Erwarten ohne großen Schaden zu medizinisch sinnvollen Ergebnissen geführt hätte.

Frage: Dann könnte man in Deutschland nicht sagen: Dieses Wissen nutzen wir nicht.