DIE ZEIT: Herr Professor Reemtsma, Polizei und Politiker sagen, sie seien überrascht und schockiert gewesen von der "entfesselten Gewalt" am Rande des G20-Gipfels. Waren Sie es auch?

Jan Philipp Reemtsma: "Überrascht und schockiert", das sind Standardformulierungen, und zwar gedankenlose. Wenn man 20.000 Polizisten zusammenzieht, um einem Krawall zu begegnen, ist man nicht überrascht, wenn er sich ereignet. Man war überrascht, dass man nicht das erreicht hat, was man erreichen wollte: den Krawall, wie man so sagt, einzuhegen. Ich war nicht überrascht – also davon, dass es heftige Krawalle gegeben hat, natürlich nicht. Wenn sie sich dann ereignen, ist man allerdings doch schockiert, weil die Wirklichkeit immer etwas anderes ist als das, was man erwartet.

ZEIT: Welche Reaktion wäre denn angemessen?

Reemtsma: Die nach den Gewohnheiten öffentlicher Kommunikation unwahrscheinlichste, seitens der Politik: genaue Analyse, Selbstkritik. Mit dem Ergebnis: falsche Stadt, falscher Ort, falsche Strategie, vermutlich falsche Taktik im Einzelfall. Das wäre auf das Eingeständnis hinausgelaufen, dass man das hätte vorher wissen können. Aber wie klingt das dann? Damit man mich nicht missversteht: Das heißt nicht, der Politik und der Polizei die Schuld an den Krawallen zu geben. Schuld hat immer der, der etwas macht. Aber Mitverantwortung trägt auch der, der es dazu kommen lässt, zumindest wenn er es hätte besser wissen können.

ZEIT: Also müssen sich demokratisch gewählte Staatsvertreter von Gewalttätern diktieren lassen, wo sie sich treffen können?

Reemtsma: Das ist eine alberne Frage. Politisches Handeln in unseren Weltgegenden sollte umsichtig erfolgen. Wer die Risiken nicht abwägt, handelt fahrlässig. Seit dem Attentat auf Johannes Paul II. fährt der Papst im gepanzerten Wagen. Sagt irgendwer, er lasse sich von Terroristen vorschreiben, ob er Cabrio fährt oder nicht?

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, woher die Wut der Randalierer kommt?

Reemtsma: Waren sie wütend? Ich glaube nicht. Wütend waren die Demonstranten, die von Polizeimaßnahmen betroffen waren, die ihnen im Grunde nicht galten. Die, die eine friedliche Demonstration abhalten wollten, wollten zunächst ein großes Gemeinschaftserlebnis, aber ein risikoloses. Die anderen wollten ein großes Gemeinschaftserlebnis mit Gewalt und Trümmern und Brandstiftung.

ZEIT: Aber muss man nicht wütend sein, um brennende Barrikaden zu errichten und Steine auf Polizisten zu werfen?

Reemtsma: Nein, wir haben uns nur angewöhnt, vom einen aufs andere zu schließen. Gewöhnen wir’s uns wieder ab.

ZEIT: Was steckt dann dahinter?

Reemtsma: Wer in dieser Art gewalttätig ist, regrediert dabei, das heißt, er kommt in Kontakt mit früheren Seelenregungen und wird in gewissem Sinne zum trotzigen Kind, das sein Kinderzimmer zerlegt. Nicht weil er regressiv gestimmt ist, wird er gewalttätig, sondern umgekehrt: Er regrediert, weil er gewalttätig ist. Er lässt den zivilisatorischen Lernprozess wie eine lästige Hülle hinter sich. Und damit kommt er in Kontakt mit allerlei, das in seinem Leben möglicherweise verdrängt, jedenfalls erfolgreich abgewehrt worden ist. Es gibt in jedem Leben genug Frustration und nicht ausgelebte Wut – zum Erwachsenwerden gehört der Verzicht auf dies Ausleben. Und dieser Teil der Person randaliert freudig mit: na endlich! Nur hat diese Wut mit Politik nichts zu tun, sie ist gänzlich irrational.

ZEIT: Manche G20-Gegner sahen in dem Gipfel eine Provokation, weil die führenden Köpfe der kapitalistischen Welt gleich neben dem linken Schanzenviertel zusammenkamen.

Reemtsma: Wer sagt, der G20-Gipfel sei eine Provokation gewesen, drückt sich merkwürdig aus. Als ginge es um so was wie "Haben Sie mich fixiert?", so hieß das um 1900. Heute heißt das "Was guckst du?". Die Krawalle waren mit einer Rechtfertigungsrhetorik versehen – das sind sie immer. Sie sind in den Augen derjenigen, die diese Rhetorik verwenden, eben gerechtfertigt, ob sie nun daran glauben oder nicht. Man kann ja nicht in die Herzen sehen, manche wollen vor allem Autos anzünden und plündern.