Kaum ist bei den Nibelungenfestspielen der rote Teppich ausgerollt, strömt die kleine Stadt zusammen. Hier gilt’s dem Gucken: Die Kanzlerin zieht es zwar nach Bayreuth, aber andere, der Pfalz stärker verpflichtete Darstellerinnen aus dem Politikbetrieb lassen sich die Eröffnung nicht entgehen. In diplomatischer Ausgewogenheit erscheinen Julia Klöckner und Andrea Nahles auf der Szene und die Helden und Heldinnen des Unterhaltungsfernsehens sowieso: Auf der Bühne stehen, wie immer in Worms, ihre Kollegen.

Nicht anders als der Dom, vor dem gespielt wird, gehört die TV-Prominenz zum Wesen des Festivals. Sein Gründungsintendant ist der Regisseur Dieter Wedel, der nach 13 Jahren die Fackel an den, man muss ihn so nennen, Fernseh-Tycoon Nico Hofmann abgegeben hat. Das war 2015 – und seitdem versucht der Chef der Ufa-Fiction, den Wormser Lustbarkeiten etwas mehr Qualität unterzujubeln. Aus RTL will er Arte machen, ohne dass die Schauwerte darunter leiden. Die Aussöhnung von Kunst und Kommerz: Nur das mittelalterliche Nibelungenlied ist etwas älter als dieser süße Traum, zu dessen Verwirklichung sich Hofmann Albert Ostermaier als Verbündeten gesucht hat. In diesem Jahr schloss der Münchner Lyriker und Dramatiker mit einer Variation des urdeutschen Mythos seine für Worms erstellte Trilogie ab: Glut ist eine während des Ersten Weltkriegs spielende Agentenfarce, in der Siegfried, Brünhild & Co. im Palast von Scheich Omar den Weltenbrand anheizen.

Ostermaiers Plot klingt verrückt, doch er ist nicht verwegener als die historisch verbürgte Episode, die ihm zugrunde liegt. Das gab es tatsächlich: eine deutsche Orientexpedition 1915, versehen mit dem Auftrag, im Nahen Osten die Feinde des Reichs zu schwächen. Die Männer und Frauen sollten englische Pipelines sprengen und im Vorbeigehen die muslimischen Völker zum Heiligen Krieg gegen die europäischen Besatzer anstacheln. Um nicht aufzufliegen, verkleidete sich die Truppe als Wanderzirkus – ein bizarres Kriegskapitel, an dem sich die Fantasie des Dramatikers entzündet: Er promoviert den falschen Wanderzirkus zur Wanderbühne mit den "Nibelungen" im Gepäck.

Dass deutsche Theatersoldaten unter Siegfrieds Tarnkappe zum Dschihad aufrufen, ist eine originelle Idee. Ostermaier aber versenkt sie sofort. Sein Stück, das er mit der Bagdadbahn in Istanbul auf die Gleise setzt, wimmelt von Agenten und Kriegsgewinnlern, die sich in geopolitischen Erklärungen ergehen – und es ist überfrachtet mit Zitaten, Anspielungen und eigenem, dürftigem Wortgeklingel. Man spürt des Dichters Recherchefleiß, aber auch seinen Mangel an Inspiration. So strandet sein Phrasenzug im Wüstensand, den der Regisseur Nuran David vor der Domkulisse aufgeschüttet hat. Am glücklichsten agiert noch die Musikkapelle, die den Ring des Nibelungen orientalisiert und selbst für Wagner-Verächter genießbar macht. Den Spielern indes – unter ihnen Alexandra Kamp, Dennenesch Zoudé, Mehmet Kurtulus, Heio von Stetten und David Bennent – bleibt nur, die Degeto-Klischees zu erfüllen, die ihnen Regie und Autor vorgeben.

Der Schauwert stimmt also. Am Rest muss weiter gearbeitet werden: Nächstes Jahr tritt bei den Nibelungenfestspielen der Regisseur Roger Vontobel mit dem Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel an.