DIE ZEIT: Wie divers ist die Start-up-Szene in Deutschland?

Güncem Campagna: Von Gender-Diversity kann keine Rede sein. Nur bei 13 Prozent aller Start-ups ist eine Frau mit im Gründungsteam. Bei Start-ups, die sich um Hightech kümmern, wie künstliche Intelligenz oder vernetzte Geräte, liegt die Quote noch niedriger, bei fünf Prozent. Ich erlebe das täglich. Ich sitze mit Männern an Gesprächstischen und auf Podien.

ZEIT: Studien belegen, dass gemischte Teams erfolgreicher sind.

Campagna: Ja, das kann man anhand des Umsatzes messen. Produkte werden von Männern entwickelt, sollen aber von Männern und Frauen genutzt werden. Es ist schlicht logisch, dass eine Frau mitarbeiten sollte, weil sie besser beurteilen kann, wie das Produkt auch Frauen anspricht. Allerdings sollte man sich nicht nur auf Geschlechter beschränken. Diverse Teams bestehen aus Alt und Jung, Einheimischen und Migranten, Personen verschiedener Gruppen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich dann diese Homogenität?

Campagna: Das hat viele strukturelle und gesellschaftliche Gründe. Es ist schwer, mit dem Finger auf einen Punkt zu zeigen und zu sagen: "Daran liegt es." Dann könnte man es auch einfach lösen. Es beginnt bei der Bildung, in den Schulen: Es sind eher Jungs, die sich für technische Themen interessieren, die Mädchen verlieren in der Sekundarstufe das Interesse. In der Folge sind nur 30 Prozent der Mint-Absolventen weiblich. Dazu kommt: Wer ein Start-up gründet, scheitert in vielen Fällen. Frauen bringen eine höhere Risikoaversion mit. Sie sind zögerlicher, es fehlt ihnen oft an Selbstvertrauen.

ZEIT: Das klingt pauschalisierend.

Campagna: Es gibt Studien, die das belegen. Die Firma Hewlett-Packard hat zum Beispiel in einem internen Bericht herausgefunden, dass Frauen sich erst dann auf eine Stelle bewerben, wenn sie ihrer Meinung nach 100 Prozent des angeforderten Profils erfüllen. Männer bewerben sich auch, wenn sie nur 60 Prozent der Anforderungen erfüllen.

ZEIT: Der sogenannte Confidence-Gap.

Campagna: Genau. Frauen neigen zu Perfektionismus, hinterfragen sich sehr kritisch, schüren ihre Zweifel. Das verträgt sich nicht mit der Start-up-Kultur. Frauen erhalten im Schnitt weniger Wagniskapital. Man muss hier sein Produkt geradezu überverkaufen: "Das ist meine tolle Idee, gib mir Geld!" Dazu kommen Phasen, in denen arbeitet man sieben Tage die Woche. Es gibt Durststrecken, in denen man wenig verkauft. Investoren springen ab. Diese Strukturen sind nicht gerade das, was ich als familienfreundlich oder frauenfreundlich bezeichnen würde.