Wenn der Wahlkampf 2017 nach Diesel riecht, so schmeckte er vor fünfzig Jahren nach Milch. Es gab tatsächlich eine Zeit, in der der Gefühlshaushalt der Bundesrepublik nicht von der Autoindustrie, sondern von der Landwirtschaft bewegt wurde; nur im Ruhrgebiet roch damals das Leben noch nach Kohle. Und Milch konnte die politische Agenda bestimmen: Die Bauern im CDU-regierten Schleswig-Holstein bekamen pro Liter sechs Pfennige Subvention, was das Höfesterben allerdings nicht verhinderte. Die SPD-Opposition war gegen den sinnlosen "Milchpfennig" – und schon tobte die Debatte im Landtagswahlkampf 1967. Jahrzehntelang gab es eine gültige Gleichung in der bundesdeutschen politischen Kultur: Wahlkampf + SPD = Günter Grass. Er stürzte sich also auch in Schleswig-Holstein in die Schlacht und hielt fünfmal eine Rede von der Wut über den verlorenen Milchpfennig, inspiriert von der Beethovenschen Wut über den verlorenen Groschen.

Grass war zu dieser Zeit eigentlich auf Tournee mit dem wohl größten Flötisten des 20. Jahrhunderts: dem Schweizer Aurèle Nicolet, den Wilhelm Furtwängler einst zum Soloflötisten der Berliner Philharmoniker gemacht hatte, bevor Nicolet seine Weltkarriere begann. Ihr gemeinsames Programm Neue Musik – neue Gedichte konnte Grass nun anreichern: Seine Milchpfennig-Rede vertonte der Komponist Jürg Wyttenbach, und im Oktober 1967 traten Grass und Nicolet damit im Funkhaus Hannover auf. Lange galt die Aufnahme als verschollen, bis Grass zwei Wochen vor seinem Tod seinem Medienarchiv bei Radio Bremen ein paar Tonbänder übergab: Das Konzert war wieder aufgetaucht – und damit auch die vertonte Grass-Rede.

Tatsächlich ist die Konstellation zweier vierzigjähriger Ausnahmekünstler bemerkenswert, wie man jetzt auf einer CD erleben kann: Wir hören den ästhetischen Aufbruch dieser Generation; es erklingen Werke moderner Komponisten wie Pierre Boulez, Aribert Reimann, Luciano Berio und Heinz Holliger, im fein-sinnlichen Nicolet-Ton. Dazwischen Grass mit eigenen Gedichten, über deren lyrische Qualität man generell streiten kann. Als Finale schließlich die satirische Rede, unterbrochen vom Zwischenspiel Furioser Tumult. Grass persiflierte darin zeitgenössische reaktionäre deutsche Haltungen – der Milchpfennig war für den Intellektuellen nur ein Aufhänger, als Symbol für die Angst vor dem Verlust an Ordnung und Tradition. "Wollt ihr den totalen Milchpfennig?", ruft der Schriftsteller-Aktivist vehement ins Mikrofon. "Wollt ihr den gesamtdeutschen totalen Milchpfennig in den Grenzen von 37?" Unweigerlich versucht man sich zwei ähnliche Künstler von Weltrang vorzustellen, die für Martin Schulz politische Kunst als ironisch-absurdes Wahlkampftheater inszenieren könnten. Es fällt einem aber niemand ein.

Günter Grass: Die Wut über den verlorenen Milchpfennig. Hrsg. von Kai Schlüter; Ch. Links Verlag, Berlin 2017; CD, 76 Min., 13,– €