Als Spezialisten des Schweigens dürfen drei Menschentypen gelten: Mönche, eine bestimmte Sorte Männer und Pubertierende.

Mönche brachte der 55-jährige Regisseur Thomas Arslan noch nicht auf die Leinwand, Männer, die das Verbale auf ein Minimum reduzieren, so einige. In der Berlin-Trilogie Geschwister (1997), Dealer (1999) und Der schöne Tag (2001) wird männlicherseits sehr wenig gesprochen, in dem brillanten Gangsterfilm Im Schatten (2010) kommuniziert der Held nur dann mit Worten, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Nun, in seinem neuesten, bei der vergangenen Berlinale uraufgeführten Film Helle Nächte, schickt Arslan gleich zwei Schweigeprofis in das Kammerspiel einer Rucksackreise: einen unredseligen Mann und einen Pubertierenden. Niemand weiß besser, wie man mit dem Schwert der Einsilbigkeit eine Unterhaltung killt. "Hast du Freunde?" – "Klar." – "Mit Mama alles okay?" – "Jo."

Der Bauingenieur Michael (Georg Friedrich) fährt zur Beerdigung seines nach Norwegen ausgewanderten Vaters. Sein halbwüchsiger, von ihm getrennt lebender Sohn Luis (gespielt von dem 15-jährigen Tschick-Star Tristan Göbel) begleitet ihn. Schon im Flugzeug setzt Luis seine Kopfhörer auf. Er wird sie nur abnehmen, wenn der Vater ihn anschreit. Und eben dieser Vater bringt nichts anderes als einen ätzend knappen Kommentar über die Lippen, als seine Freundin ihm in einer der ersten Szenen mitteilt, dass sie als Auslandskorrespondentin für ein Jahr in die USA gehen wird. Den Kontakt zum Sohn hat Michael bis an die Grenze zum Nullpunkt vernachlässigt. Er weiß nicht einmal, dass Luis das Fußballspielen aufgegeben hat. Nachdem er die Information aus dem maulfaulen Bub herausgezogen hat, belehrt er ihn mit einer pädagogischen Floskel: Mannschaftssport sei auch in moralischer Hinsicht ertüchtigend.

Das Einzige, was wirklich gut funktioniert zwischen den Generationen, ist die Beerbung sprachlicher Unbeholfenheit. Im letzten Moment rückt der Vater mit dem Plan heraus, an das Begräbnis noch ein paar gemeinsame Urlaubstage anzuhängen. In völlig falschen Situationen überfällt er den Sohn mit Bekenntnissen und Schuldeingeständnissen. "Ich will deinen Scheiß nicht hören!", schreit Luis und rennt davon. Minutenlang sieht man zu, wie sie im Auto oder am Lagerfeuer sitzen, nebeneinander im Zelt liegen, Steine in einen See werfen. Ob sie durch die Totale (wieder arbeitet Arslan mit dem elegant reduzierenden Kameramann Reinhold Vorschneider zusammen) der weiten, regengrauen Landschaft Norwegens stapfen oder aus halber Nähe zu sehen sind: Die Mittelachse vieler Bilder ist der leere Raum, der körperliche Abstand zwischen den zwei Figuren.

Die Geschichte dieses Films lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein Vater und ein Sohn kommen sich näher. Viel mehr passiert nicht. Mal geht das Benzin aus, mal steht ein lichterloh brennendes Haus auf einer Wiese, mal führt eine vierminütige, ungeschnittene Autofahrt in immer dichteren Bergnebel, bis auf der Leinwand nur noch weiße Fetzen zu sehen sind. Wer von einem Film einen starken Plot erwartet, liegt hier ziemlich falsch. Wer sich für das Drama menschlicher Distanzüberwindung in Millimeterschritten interessiert, wird die Luft anhalten und eine Spannung empfinden, die sich vor allem einem Kunstgriff verdankt: Arslan zieht in das mühsame Aneinanderherantasten von Vater und Sohn das klassische Muster einer Liebesgeschichte ein; mit Werben und Abblitzen, mit scheuen Blicken und Schmorenlassen. Und wie man bei einer Lovestory fiebert, dass Boy und Girl sich endlich küssen, fiebert man hier, dass der Vater den wegrennenden Sohn einfängt und der Sohn sich fangen lässt. Wie eine Liebesgeste der Versuch sein kann, hundert verpasste Nächte nachzuholen, so holen Michael und Luis in einer wunderschönen Szene einen Moment verpasster Kindheit nach: Der Vater trägt den Halbwüchsigen huckepack einen Berg hinunter, weil er sich das Knie aufgeschlagen hat.

Helle Nächte ist, was Drehbuch, Ensemble und Produktion anbelangt, eine Art Zwischenfilm in Arslans Werk, vermutlich eine Erholung von dem Aufwand, den der historische Western Gold (2013) verlangte. Aber dieses handlungsarme Roadmovie enthält ein gewichtiges Statement. Es lautet: Wenn wir es nicht schaffen, uns mit Worten und Berührungen zu erreichen, kommen wir uns endgültig abhanden. Wir werden uns vielleicht zum Geburtstag eine SMS schreiben. Aber wir werden nie sein, was Vater und Sohn sein können.

Es wirkt, als hätte Thomas Arslan diesen Film über zwei Vollprofis des Schweigens auch deshalb gemacht, um sich selbst vor Augen zu führen, was mit seinen Helden eigentlich los und wie ihnen zu helfen ist. Abschottung war bislang ihr häufigster Aggregatzustand, Coolness ihre Durchschnittstemperatur, soziale Eiszeit das ferne Ziel ihres Weges. In Helle Nächte schickt Arslan zwei Vertreter des männlichen Geschlechts konsequent in die Gegenrichtung – und man würde darauf wetten, dass die Helden seiner künftigen Filme zwar keine Plaudertaschen, aber nicht ganz so cool und stumm sind.

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