Manche Sätze hört man, aber man ermisst ihre Bedeutung nicht. Irgendwann sickert die große, fast schmerzhafte Botschaft dann doch ins Gehirn, in die Seele. Dann versteht man, wenigstens ein bisschen.

So war das bei diesem Satz von Hinrich Lehmann-Grube, einem Mann, der 1990 aus Hannover nach Leipzig gekommen war, um hier erster Nachwende-Oberbürgermeister zu werden. Im Deutschlandradio sagte er, viele Jahre danach, über seine Amtszeit in Leipzig: "Ich habe oft daran gedacht, wenn ich jetzt mit einem Herzinfarkt tot umfalle, dann bin ich fürs Vaterland gestorben."

Geradezu beiläufig plauderte er das aus. Dabei erklärt schon dieser Satz, warum Lehmann-Grube als Aufbauhelfer der Nachwendezeit, als prägende Figur im Osten post 1990, prototypisch war. Außerhalb Leipzigs mochte sein Name gar nicht so bekannt sein. Doch steht seine Geschichte für die vieler: Hinrich Lehmann-Grube war ein Held des Neuanfangs – einer der Helden des Neuanfangs, muss man sagen, weil es ja mehr von ihnen gab, als man das im Rückblick manchmal glaubt. Er war nicht nur irgendein westdeutscher Oberbürgermeister irgendeiner ostdeutschen Stadt. Sondern geradezu das Musterbeispiel dessen, was den Osten dieser Zeit – ja: gerettet hat. Der gewissenhafte West-Manager, den man jetzt auch mal verteidigen muss. Diese erste Generation Aufbauhelfer war besser, wichtiger, als ihr Ruf das oft behauptet. Auch sie waren es, die das Land zusammenführten.

Am vergangenen Wochenende, fast zwei Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden als Oberbürgermeister 1998, ist Hinrich Lehmann-Grube im Alter von 84 Jahren gestorben. Das ist, natürlich, ein Moment großer Trauer mindestens für diese Stadt. Aber gerade weil die Geschichte Lehmann-Grubes so prototypisch ist, ist dies auch ein Moment der Selbstüberprüfung, des Innehaltens für den Osten insgesamt. Die Zeit der großen Figuren, die den Weg gezeigt haben – oft ohne ihn selber schon zu kennen –, geht vorbei. Seine neuen Helden muss der Osten selbst produzieren. Die Lehmann-Grubes haben ihre Aufgabe getan. Die Ostdeutschen, die die Verantwortung übernehmen, können aber noch lernen von ihnen. Lernen, wie man ein Held wird.

Wenn ich jetzt tot umfalle, dann bin ich fürs Vaterland gestorben: Mindestens drei Botschaften sind es wohl, die in diesem Satz stecken.

Die erste: Es war nicht selbstverständlich, dass Männer wie Lehmann-Grube in den Osten kamen (meist waren es ja Männer), sondern ein kleines Wunder. Wer Leipzig heute glänzen sieht und sich kaum mehr erinnert, wie diese Stadt 1990 aussah – der vergisst mitunter, was es bedeutete, von einem ruhigen, gut bezahlten Pöstchen im Westen auf einen Wildwest-Chefsessel im Osten zu wechseln.

Im Allgemeinen nicht, und auch nicht im Falle Lehmann-Grubes. Der war 1990 gerade SPD-Stadtdirektor von Hannover. Hatte also einen Job, der von übermenschlichen Anstrengungen weit entfernt war, ein gutes Auskommen sicherte, ein hohes Ansehen. Familie, Frau und Kinder: glücklich. Ein feines Leben. Das hat er aufgegeben, für Leipzig, weil diese Stadt jemanden brauchte, der Verwaltung kennt, der Politik kann, der eine DDR-Stadt nehmen und in die Bundesrepublik hieven kann. Eine Garantie, überhaupt Oberbürgermeister zu werden, hatte er nicht. Er musste erst einmal die Kommunalwahl gewinnen. Das zeigt, dass Lehmann-Grube eben keiner war, der sich am maroden Osten sanieren wollte, der den Osten brauchte für sein Glück, der den Osten aussaugte für sein eigenes Fortkommen. Natürlich gab’s solche Leute auch. Aber wer sagt, dass die in der Mehrzahl waren? Lehmann-Grube hatte fast ein ganzes Berufsleben hinter sich, als er im Osten neu anfing. Er war der weise Mann, ein Super-Grau zur rechten Zeit.