Die Zikade, die in den Mittelmeerländern jenes berühmte rasselnde Geräusch erzeugt, das wir merkwürdigerweise Gesang nennen, ähnelt bei näherer Betrachtung einer übergroßen schwarzen Fliege, also ungefähr dem, was man einen dicken Brummer nennen würde, wenn es sich nicht in Wirklichkeit um eine Steigerung ins Monströse handelte. Eine Zikade, übers Tischtuch krabbelnd, würde im Science-Fiction-Film unweigerlich als Schreckensbote künftiger Genmutationen verstanden werden. Irgendetwas scheint bei der Entwicklung des Insekts außer Kontrolle geraten zu sein, es ist irgendwie zu hart, stachlig, kräftig, militärisch ertüchtigt geraten.

Zum Glück ist die nähere Betrachtung allerdings nur schwer möglich. Die Zikade, im Ölbaumgezweig sitzend, lässt sich von der Rinde kaum unterscheiden, scheint auch nur Schorf, Splitter, vertrocknetes Ästchen zu sein, was übrigens einen eigentümlichen Gegensatz zu der unheilvollen Saftigkeit ihrer Ernährungsweise bildet. Sie saugt tatsächlich hemmungslos und mehr, als sie verdauen kann, vom Pflanzenblut, macht aber wieder nicht das schmatzende Schlürfgeräusch, das dazu passte, sondern immer nur dieses eine heisere, trockene Rasseln. Es gibt Vorsänger, die eine Zeit lang solo rasseln, und es gibt Choristen, die später gemeinsam einfallen oder versetzt, in Sequenzen hintereinander, es sind gigantische, wenn auch eintönige Chorfugen, ein brausendes Oratorium erfüllt die Lüfte über den Olivenhainen, es ist alles andere als romantisch, es ist zum Fürchten. Dem Gott der Zikaden möchte man nicht dienen.

In den Nordoststaaten der USA hat sich etwas von dem uranfänglichen Erschrecken vor der dröhnenden Heilsarmee der Pflanzensauger noch erhalten. Alle siebzehn Jahre, manchmal auch alle fünfzehn oder dreizehn Jahre, wird angstvoll das Bevorstehen eines Zikadensommers angekündigt, denn diese Zahlen entsprechen dem Entwicklungszyklus. Siebzehn, fünfzehn oder dreizehn Jahre wühlen, saugen, graben sich die Larven im Erdreich durch ihre diversen, aber immer sehr gefräßigen Entwicklungsstadien, bis sie schließlich, hartbeflügelt und stachlig, aus dem Boden kommen, man rechnet in Nordamerika mit Millionen pro Hektar. Das letzte Mal war es 2016 so weit. Die Menschen müssen sie nicht fürchten, auch der landwirtschaftliche Schaden hält sich in Grenzen, aber der Lärm – nun, vom Lärm heißt es, er nähme sich aus, als ob ein Ufo landet.

Die Vergleichsgröße Ufo entspricht natürlich einer recht amerikanischen Vorstellungswelt, ist vielleicht auch von den außerirdisch roten Augen der amerikanischen Spezies inspiriert, aber die Einschüchterungsqualität einer Zikadenplage lässt sich auch in Südeuropa nachvollziehen. In der griechischen Antike wurde das Insekt dafür bewundert, mit welcher Macht und Wucht es aus der Erde bricht. Die Athener betrachteten es als ihr wahres Wappentier, es veranschaulichte den politischen Anspruch, autochthon, also dem eigenen Boden entsprossen zu sein – und nicht als Migranten zugewandert. Zikade zu sein hieß, kein Ausländer zu sein, das war also schon mal was. Was den spontanen Rassismus der Heimtverbundenheit anlangt, könnten die identitären Bewegungen der Gegenwart einiges von den alten Griechen lernen. Wie wäre es mit einer ZfD – Zikade für Deutschland?

Nur leider sind die nordeuropäischen Arten jämmerlich klein, ihre Unauffälligkeit entspricht der Völkerwanderungsregion, in der seit Jahrtausenden niemand mehr dort siedelt, wo er einmal der Erdkrume entstieg. Mit den Athenern verhielt es sich in Wahrheit nicht anders, aber sie waren (neben anderem, Schönerem) nun einmal die Erfinder der politischen Propaganda.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio