Ha’il Satawi war ein Mann mit klaren Prioritäten. Ganz oben stand seine Mutter. An zweiter Stelle: Fußball. "Und danach seine Frau", lacht sein Cousin, Seyid Satawi. Die sechs, sieben Männer um ihn herum schmunzeln, und für einen Moment könnte man die Runde für ein lockeres Familientreffen halten. Doch das Lächeln in den Gesichtern der Männer erlischt rasch wieder. Erst vor Kurzem wurde Ha’il Satawi erschossen.

Ha’il Satawi, ein Druse aus dem Norden Israels, stand am Morgen des 14. Juli in seiner dunkelblauen Polizeiuniform in Jerusalems Altstadt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Kamil Shnaan, auch er Druse, sicherte er eine der Gassen ab, die zum Tempelberg führen, zum Haram al-Scharif, wie die Muslime das Areal nennen, auf dem die Al-Aksa-Moschee steht. Die israelische Polizei hat Videoaufnahmen herausgegeben, darauf sieht man die beiden Polizisten auf ihrem Posten: Einer sitzt auf einem Stuhl am Straßenrand, der zweite lehnt entspannt mit dem Unterarm auf einem Metallgitter. Plötzlich laufen drei Männer um die Ecke. Einer schießt dem stehenden Polizisten aus nächster Nähe in den Rücken. Dieser fällt zu Boden. Das veröffentlichte Video stoppt in diesem Moment, erspart es dem Zuschauer, die Attacke auf den zweiten Polizisten zu beobachten.

Ha’il Satawi, 30, und Kamil Shnaan, 22, erlagen Stunden nach dem Anschlag ihren Verletzungen. Die drei Angreifer wurden auf der Flucht von anderen Polizisten erschossen. Kurz darauf wurden ihre Identitäten publik: Muhammad Ahmed Muhammad Jabarin, 29, Muhammad Hamad Abdel Latif Jabarin, 19, und Muhammad Ahmed Mafdal Jabarin, 19, Angehörige derselben Familie aus der arabisch-israelischen Stadt Umm al-Fahm. Offenbar hatten sie Komplizen, die die Tatwaffen zuvor in der Al-Aksa-Moschee versteckt hatten. Das Attentat hat nicht nur den Konflikt um den Tempelberg neu entfacht – die israelische Regierung ließ kurzzeitig Metalldetektoren aufstellen, die sie nach heftigen muslimischen Protesten Tage später wieder abbaute. Es hat auch ein Schlaglicht auf die Kluft geworfen, die zwischen den Drusen und Muslimen in Israel verläuft – und sie vertieft.

Ha’il Satawi wurde in Maghar geboren, einem Dorf in Galiläa westlich des Sees Genezareth. Die Straßen sind schmal und kurvig, die Gassen zwischen gedrungenen Sandsteinhäusern geben den Blick frei auf eine weite, dicht bewaldete Talsenke. 20.000 Menschen wohnen hier, Drusen und Muslime. Ein zufälliger Besucher könnte sie leicht verwechseln: Die muslimischen Frauen tragen den Hidschab, das muslimische Kopftuch; gläubige drusische Frauen verbergen Haar und Kinn unter weißen Tüchern.

Alle sprechen Arabisch, mit feinen Unterschieden in der Aussprache, die nur Eingeweihte erkennen. Drusen und Muslime gehören gemeinsam mit den arabischen Christen zur jener nichtjüdischen Minderheit, die rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmacht und oft unter dem Titel "israelische Araber" zusammengefasst wird. Doch unter der dünnen Oberfläche sprachlich-kultureller Gemeinsamkeiten verläuft ein tiefer politischer Riss: Während die meisten arabischen Muslime und Christen sich mit den Palästinensern identifizieren, steht die große Mehrheit der 133.000 israelischen Drusen (1,7 Prozent der Bevölkerung) fest an der Seite des jüdischen Staates.

Zwischen einer und zwei Millionen Drusen gibt es auf der Welt, die meisten leben in Syrien und im Libanon. Die Ursprünge ihrer Religion liegen im Ägypten des 11. Jahrhunderts, wo ein schiitischer Muslim eine neue Glaubensgemeinschaft gründete, deren Inhalte vor Außenstehenden geheim gehalten werden. Bekannt ist, dass es sich um einen monotheistischen Glauben handelt, beeinflusst von den abrahamitischen Religionen sowie griechischer Philosophie und gnostischen Ideen. Zu seinen Prinzipien zählt bedingungslose Loyalität mit der eigenen Regierung, ob Diktatur oder Demokratie.

Seit der Gründung des jüdischen Staates dienen Israels männliche Drusen in der Armee, zunächst freiwillig, seit 1956 verpflichtend; die Abmachung, die damalige Drusenführer mit der Regierung trafen, gilt als jüdisch-drusischer "Blutsbund". Auch anderweitig engagieren sich Drusen für den Staat, stellen Diplomaten und Abgeordnete. Der Kommunikationsminister Ayoub Kara etwa ist Druse. Viele melden sich auch zum die Polizeidienst. Wie Ha’il Satawi und Kamil Shnaan.

Drei Wochen nach Satawis Tod sitzen Onkel, Cousins, Vater und Schwiegervater auf roten Samtsofas im Wohnzimmer seines Elternhauses, trinken Eistee und starken Kaffee und sprechen von Ha’il: Was für ein gutes Herz er hatte. Wie er als Polizist kleinen Kindern gern Geschenke machte. Sein eigenes Kind konnte er kaum kennenlernen: Als er ermordet wurde, war sein Erstgeborener erst drei Wochen alt. Satawi hat ihn Ramos genannt, nach dem Real-Madrid-Spieler Sergio Ramos, den er verehrte.

In der Ecke im Wohnzimmer sitzt der Vater des Ermordeten, der 62-jährige Afif Satawi, ein gedrungener, drahtiger Mann mit tief liegenden, geröteten Augen. Er ist der Stillste von allen, starrt die meiste Zeit ins Leere. Erst als jemand das Begräbnis der Attentäter erwähnt und die Menschen, die sie feierten, erhebt er seine Stimme. "Sie haben auf dem Blut unserer Kinder getanzt", ruft er heiser. Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag begann ein zweites Video im Internet zu kursieren. Es zeigt das Begräbnis der drei Attentäter in Umm al-Fahm. Eine Menschenmenge ist zu sehen, mehrere Tausend müssen es sein, darunter viele junge Männer. Sie tragen die Särge auf ihren Schultern, klatschen, recken die Fäuste in den Nachthimmel und brüllen: "Helden! Märtyrer!" Der Anschlag des 14. Juli war auch deshalb bemerkenswert, weil nicht Palästinenser aus dem Westjordanland ihn verübt hatten, sondern israelische Staatsbürger.