Was ist der wichtigste Unterschied zwischen der 68er-Generation und der Generation Merkel, jenen jungen Erwachsenen also, die keine andere Kanzlerin bewusst erlebt haben als eben Angela Merkel?

Die einen haben etwas angezettelt, das ihnen wie eine Revolution vorkam; die anderen erleben tatsächlich eine Revolution, es kommt ihnen aber nicht so vor. Jedenfalls noch nicht.

Der erste Bruch, mit dem die Jahrgänge 1990 bis 2000 aufwuchsen, wurde ihnen von ihren Eltern meist verheimlicht. Mit Blick auf die Kinder zumindest der gebildeten deutschen Mittelschichten (von der Oberschicht zu schweigen) verlor ein Satz seine Substanz, der jahrzehnte-, ja jahrhundertelang allem elterlichen Streben seinen Sinn verlieh: Unseren Kindern soll es einmal besser gehen als uns. In Wahrheit dachten viele von uns deutschen Eltern dabei doch schon: Noch besser?! Wenn das mal nicht in Verwöhntheit und Kraftlosigkeit endet!

Früher waren Krisen partiell und weit entfernt, jetzt sind sie umfassend und nah

Die eigentliche Geschichte, die gebildete, gut situierte Eltern einander und irgendwann mit Einsetzen der Pubertät auch ihren Kindern erzählten, ging etwa so: In den letzten Jahrzehnten ist Deutschland immer offener, emanzipierter, liberaler, ökologisch bewusster und erfolgreicher geworden (eure Eltern, liebe Erstwähler, haben dazu auch ein bisschen beigetragen, worauf sie aber nicht stolz sind, weil sie Stolz nicht gut finden). Wir leben in einer gesicherten Demokratie, geborgen in einer sich sanft ausdehnenden EU, geschützt von einem Sicherheit schenkenden atlantischen Bündnis. Gewiss, manches kann noch verbessert werden, und irgendwo da draußen gibt es eine obszöne Ungerechtigkeit zwischen uns hier und den Armen auf anderen Kontinenten; außerdem könnte es mit der ökologischen Krise irgendwann ernst werden, aber das dauert doch alles noch. Alles fern oder später.

Und? Haben die Kinder diese Geschichte geglaubt? Natürlich haben sie das, denn sie stimmt ja ungefähr; zudem hatten sie wenig Grund, ihren verständnisvollen Eltern zu misstrauen. Dieser Glaube jedoch hatte einen kleinen Nachteil – politisch, gar rebellisch brauchten die Kinder der Generation Merkel kaum zu sein. Es lief ja, das größte Problem ihres Lebens hieß Optionsstress: die Qual der Wahl.

Nun ist diese ganze Geschichte – wie soll man das schonend sagen? – kollabiert: Die deutsche Demokratie ist keine gesicherte Institution, sondern erweist sich unübersehbar als das stets gefährdete Ergebnis Tausender täglicher Kämpfe, an allen Fronten greifen die autoritären Kräfte an; die EU wird derweil labil, und sie schrumpft; das atlantische Bündnis ist verunsichert; die Ungerechtigkeit der Welt steht in Gestalt der Flüchtlinge nun plötzlich direkt auf der Matte, während die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen doch nicht irgendwann stattfindet, sondern jetzt, sofort, überall. (Manches von alldem scheint in diesem Sommer etwas entspannter, jeder spürt jedoch, dies ist allenfalls eine Atempause.)

Was in diesen Jahren passiert, diese völlige Verkehrung der Vorzeichen, ähnelt weniger der schönen kleinen Kulturrevolte von 68, eher muss man es als Epochenbruch interpretieren, vergleichbar mit 1918, 1945 oder 1989. Doch diesmal passiert die Revolution nicht in Osteuropa, sondern im Westen, in uns – und in unseren Kindern, die nun keine Kinder mehr sind, sondern erstmals wählen dürfen. Und müssen. Denn wenn sie nun fragen, wie man politisch wird, dann kann die erste Antwort nur lauten: Geht verdammt noch mal wählen!

So sieht sich die wohl unpolitischste Nachkriegsgeneration in die politischste Situation der Bundesrepublik versetzt. Sicher, Kubakrise, Kalter Krieg, das war gewiss alles kein Sonntagsspaziergang – aber es betraf nicht wirklich die Grundlagen, es war partiell und es war draußen, jetzt ist es umfassend und – es ist hier.

Zwei bange Fragen stellen sich da den Älteren: 1. Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben? 2. Können die Kinder das? Das Erste ist eine sehr subjektive Frage, die jedenfalls nicht rundheraus bejaht werden kann, weil dieses Land in den vergangenen 50 Jahren besser geworden ist. Und ob die Kinder es hinkriegen? Das weiß man nicht. Was man weiß: Sie haben ziemlich viel Liebe abgekriegt, viel Bildung und gut zu essen. Sie sind wahrscheinlich stärker, als es für das deutsche Idyll nötig gewesen wäre. Jetzt, da das Idyll verweht, können sie diese Kraft gut brauchen.

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