Am Mittwoch vergangener Woche erhält das Rettungsschiff Iuventa einen Funkspruch: Die italienische Küstenwache erteilt dem Kapitän die Order, unverzüglich die Insel Lampedusa anzusteuern. Die Iuventa gehört zu Jugend Rettet, einer deutschen Organisation, die Spenden sammelt, um Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken zu retten. Das Boot verteilt vor der libyschen Küste Rettungswesten an Menschen in Seenot, bis größere Schiffe zu Hilfe eilen. 14.000 Menschen hat die Organisation bislang nach eigenen Angaben gerettet. Seit Mittwoch aber wird sie verdächtigt, mit libyschen Menschenschmugglern unter einer Decke zu stecken.

Als die Iuventa im Hafen von Lampedusa anlegt, gehen Beamte der italienischen Küstenwache an Bord, so berichtet die Sprecherin von Jugend Rettet. Solche Besuche sind normal, die italienischen Beamten befragen die Crews von Rettungsschiffen routinemäßig nach deren Einsätzen: Wie viele Flüchtlinge habt ihr an Bord genommen? Wie viele Minderjährige? Wie viele Tote? Am Mittwoch aber stellen die Beamten nicht nur Fragen, sie überreichen der Besatzung der Iuventa einen Durchsuchungsbefehl, ausgestellt von Ambrogio Cartosio, dem Staatsanwalt der sizilianischen Stadt Trapani.

Der Vorwurf: Mitarbeiter von Jugend Rettet hätten sich bei drei Rettungsaktionen im September 2016 und im Juni 2017 der "Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt" schuldig gemacht. Darauf stehen nach italienischem Recht bis zu drei Jahre Gefängnis. Allerdings darf niemand bestraft werden, der "in humanitärer Absicht" gehandelt hat. Genau das aber bezweifelt der Staatsanwalt im Fall von Jugend Rettet. Er verweist auf Fotos, Tonmitschnitte und Screenshots von Videos, die belegen sollen, dass die Deutschen in Wahrheit nicht den Flüchtlingen helfen, sondern den Schleppern.

Seitdem kursieren nicht nur die angeblichen Beweisfotos, sondern auch schwere, bislang nicht bewiesene Vorwürfe in der Presse und im Netz: Die Besatzung der Iuventa habe Menschen nicht aus Seenot gerettet, sondern direkt von den Schleppern übernommen. Sie habe leere Flüchtlingsboote zurück nach Libyen gezogen, damit die Schlepper sie wiederverwenden können. Sie sei ohne Erlaubnis in libyschen Hoheitsgewässern gefahren. Sie weigere sich, mit den italienischen Behörden zu kooperieren. Und: Jugend Rettet und die anderen Hilfsorganisationen vor der libyschen Küste seien Migrantenmagneten – sie lockten immer mehr Flüchtlinge aufs Meer.

"Nichts davon ist richtig", sagt Pauline Schmidt, Sprecherin von Jugend Rettet. "Und nichts davon wird durch die Fotos bewiesen." Tatsächlich ist bislang nicht geklärt, wen und was genau man darauf sieht. Eines der Bilder (auf dieser Seite) lässt neben dem kleinen Schnellboot der Iuventa ein hellgraues Schlauchboot mit Flüchtlingen erkennen, außerdem ein weiteres Boot, auf dem Männer stehen. Laut den italienischen Behörden handelt es sich um Schlepper, die Flüchtlinge hinaus aufs Meer eskortiert haben, um sie dann direkt an die Iuventa zu übergeben.

Jugend Rettet dagegen behauptet: Die Männer seien keine Schlepper, sondern sogenannte engine fisher, libysche Motordiebe, die es auf die Außenbordmotoren der Schlauchboote abgesehen hätten. Solche Diebe seien häufiger bei Rettungsaktionen anzutreffen und könnten bewaffnet sein, sagt Pauline Schmidt. "Wir würden niemals mit denen kooperieren. Im Gegenteil, wir halten sie für eine potenzielle Gefahr und versuchen, jeglichen Kontakt zu vermeiden." Auf Anfrage berichten auch andere Organisationen, die im Mittelmeer Flüchtlinge retten, von solchen Motordieben. "Die engine fisher sind ein bekanntes Phänomen", sagt eine Sprecherin der europäischen Grenzschutzorganisation Frontex. "Wir vermuten, dass viele von ihnen Verbindungen zu den Schmugglernetzwerken in Libyen haben."

Ob die Männer auf dem Foto Schmuggler, Motordiebe oder vielleicht beides sind, ob sie an dem Tag, an dem das Foto entstand, einfach nur am Ort waren oder mit der Crew der Iuventa kommuniziert, vielleicht sogar zusammengearbeitet haben – alles das ist unklar. So wie auch die anderen vermeintlichen Beweise vor allem Fragen aufwerfen. Umstritten ist nicht nur deren Beweiskraft, sondern auch die Umstände, unter denen sie entstanden sind. Italienische Medien berichten, ein Teil der Fotos sei den Ermittlern von Seeleuten zugespielt worden, die auf das Rettungsboot einer anderen Hilfsorganisation gelangt seien. Sie sollen, wiederum nach Medienberichten, den sogenannten Identitären nahestehen – jener rechtsradikalen Gruppe also, die kürzlich ein eigenes Schiff gechartert hat, um damit Flüchtlinge an der Überfahrt nach Europa zu hindern. Die Identitären und andere rechtsextreme Netzwerke sind es auch, die im vergangenen Herbst Gerüchte streuten, Rettungsorganisationen seien in das Geschäft der Schlepper verwickelt. Beweise lieferten sie nicht, aber die Gerüchte verbreiteten sich im Netz, unter anderem über den russischen Propagandasender Sputnik.

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Im Februar 2017 wollen es die italienischen Behörden schließlich genauer wissen. Sie leiten Ermittlungen ein. Befragen Retter und Beamte, darunter auch Nicola Carlone, einen Admiral der italienischen Küstenwache. Er gibt zu Protokoll, die Rettungseinsätze vor der libyschen Küste würden grundsätzlich von der Seenotleitstelle in Rom (MRCC) koordiniert – und kein Schiff sei dabei jemals auf eigene Faust in libysche Gewässer gefahren. Die Ermittlungen entlasten die Retter. Die Sprecherin von Jugend Rettet sagt: "Wir halten uns bei unseren Einsätzen immer zu hundert Prozent an die Anweisungen der Seenotleitstelle."

Wer auf dem Mittelmeer Flüchtlinge retten will, kann nicht einfach ein Schiff chartern und losfahren. Er muss sich bei der Leitstelle der italienischen Küstenwache in Rom anmelden, die bestimmt, welches Rettungsschiff zu welchem Flüchtlingsboot fährt – und in welchen Hafen die Flüchtlinge gebracht werden.

Die juristische Grundlage aller Rettungseinsätze ist die Seerechtskonvention der Vereinten Nationen. Darin steht, dass Menschen, die in Seenot sind, so schnell wie möglich geholfen werden muss. Egal, ob auf hoher See oder in Küstengewässern. Wenn private Organisationen Flüchtlingen in Seenot helfen, dann verstoßen sie also nicht gegen das Recht, sie erfüllen eine Pflicht.