Allerdings wird nirgendwo genau definiert, wann ein Boot in Seenot ist. Als das Seerecht vor vielen Jahrzehnten verabschiedet wurde, hatten seine Verfasser Havarien und schwere Stürme im Sinn. Keine Schlepperkartelle, die Tausende Menschen in Schlauchboote pferchen und mit spärlich gefüllten Sprit- und Wassertanks aufs Mittelmeer schicken.

Ein Rechtsgutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des deutschen Bundestags schreibt dazu, eine Notlage sei gegeben, "wenn die begründete Annahme besteht, dass ein Schiff und die auf ihm befindlichen Personen ohne Hilfe von außen nicht in Sicherheit gelangen können und auf See verloren gehen". Die italienische Küstenwache ist der Ansicht, dass die Pflicht zur Rettung nicht erst bei unmittelbarer Lebensgefahr besteht, sondern bereits bei einer möglichen Gefährdung. Flüchtlinge sind demnach in dem Moment in Seenot, in dem sie in Libyen ablegen. Aber gilt das auch, wenn sie – wie im Fall der Iuventa behauptet – von Schleppern bis zu den Rettungsschiffen eskortiert werden? Sollte der Vorwurf stimmen, wäre das in der Tat ein juristischer Grenzfall. Ob er zutrifft und ob sich die Besatzung der Iuventa dabei schuldig gemacht hat, das sollen die Ermittlungen zeigen.

Die Retter der Iuventa stehen in Italien auch deshalb in der Kritik, weil sie sich weigern, einen Verhaltenskodex zu unterzeichnen, den die italienische Regierung kürzlich für insgesamt acht derzeit aktive private Rettungsorganisationen aufgesetzt hat. Der Kodex fordert unter anderem, dass die Retter die Flüchtlinge nicht mehr an andere Schiffe übergeben dürfen, sondern selbst zum nächsten Hafen bringen. Dafür aber ist die Iuventa viel zu klein.

Auch die Teams von Ärzte ohne Grenzen weigern sich, den Kodex zu unterzeichnen – weil sie, anders als es die Italiener fordern, aus Prinzip keine bewaffneten Polizisten an Bord ihrer Schiffe lassen. Der Kodex besagt außerdem, dass für Retter, die ihn nicht unterzeichnen, sämtliche italienische Häfen gesperrt werden sollen. Das halten einige Völkerrechtsexperten für einen Verstoß gegen das Seerecht. "In diesem Punkt steht das Recht klar aufseiten der Rettungsorganisationen", sagt der Völkerrechtslehrer Daniel Thym vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Zum selben Schluss kommt auch das Gutachten des Bundestages.

Dass der italienische Staat nun neue Ermittlungen gegen die privaten Retter aufgenommen hat, könnte auch mit dem Druck zu tun haben, unter dem die Regierung steht. Bald wird gewählt; die fremdenfeindliche Bewegung Fünf Sterne erhält Zulauf. Sie verlangt unter anderem, Italiens Häfen für Flüchtlingsrettungsschiffe zu schließen. Noch halten einige dagegen. Am vergangenen Samstag sagte der ehemalige Ministerpräsident und Vorsitzende der Partito Democratico (PD) Matteo Renzi, Italien habe zwar nicht die Pflicht, jeden Flüchtling aufzunehmen, aber sehr wohl, jeden Flüchtling zu retten. Ob sich mit dieser Haltung Mehrheiten gewinnen lassen, ist fraglich.

Rechtspopulistische Parteien in ganz Europa fordern seit Langem, die Flüchtlinge zurück nach Libyen zu bringen. Das darf Italien nicht. Die Menschenrechte und Flüchtlingskonventionen verbieten es, Flüchtlinge an Orte zu bringen, an denen ihnen Folter, unmenschliche Behandlung oder Abschiebung in den Heimatstaat drohen. Libyen scheidet also aus. Der winzige Inselstaat Malta ist seit Jahren überfordert. Bleibt: Italien. Ein Land, das von der EU mit den Flüchtlingen alleingelassen wird. Obwohl die Zahl der Flüchtlinge in diesem Jahr im Vergleich zu 2016 nicht gewachsen, sondern sogar leicht gesunken ist, wirkt es, als werde Italien überlaufen.

Deshalb versucht die Regierung in Rom, die libysche Küstenwache so gut auszubilden und technisch auszustatten, dass sie die Flüchtlinge künftig abfangen kann, bevor sie es überhaupt in internationale Gewässer schaffen – dorthin also, wo die Italiener für die Rettung zuständig sind. In der vergangenen Woche entsandte die Regierung das Patrouillenboot Comandante Borsini nach Tripolis, zusätzlich zu Geld und Ausrüstung, die die Italiener und die EU seit Jahren nach Libyen schicken.

Der Plan könnte aufgehen – wären da nicht die privaten Hilfsorganisationen. Sie stemmen mittlerweile 40 Prozent der Rettungen und laufen Sturm gegen das Vorhaben, Flüchtlinge künftig dem libyschen Staat auszuliefern, wo sie, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen und das Rote Kreuz berichten, Folter, Sklaverei und Zwangsprostitution erwartet.

Sollte der italienische Staat daran festhalten, sagen die Rettungsorganisationen, dann verstieße er selbst gegen geltendes Recht: gegen die verbürgten Menschenrechte.

Mitarbeit: Laura Meda

Transparenzhinweis: Jugend Rettet wurde vom Publikum des Z2X-Festivals im September 2016 ausgezeichnet. ZEIT ONLINE hat das Festival organisiert.

Routen der privaten Rettungsschiffe

Diese Karte zeigt im Zeitraffer, wo sich Schiffe privater Retter im Zeitraum 22. Juni bis 7. Juli 2017 bewegt haben. Rot markiert ist die Zwölfmeilenzone vor der libyschen Küste.

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