Ganze Straßenzüge sind mit Plakaten zugekleistert, in der Innenstadt verteilen Leute billige Kugelschreiber, und bestimmt habt ihr auch schon Luftballons in die Hand gedrückt bekommen. Wenn plötzlich überall im Land Menschen auftauchen, die für eine Partei werben, dann könnt ihr sicher sein: Es steht eine wichtige Wahl an.

Am 24. September wird in Deutschland der Bundestag gewählt. Das geschieht alle vier Jahre, und jetzt sind es nur noch gut sechs Wochen bis dahin – klar, dass alle Parteien jetzt schon mit ihrem Wahlkampf im Endspurt sind.

Vielleicht denkt ihr, schönen Dank auch für den Luftballon, aber Kinder haben in der Politik ja eh nichts zu sagen. Vielleicht glaubt ihr auch, dass Politik total kompliziert ist. Das checken ja schon eure Eltern nicht so richtig. Und wählen dürfen Kinder sowieso nicht, warum solltet ihr euch also überhaupt dafür interessieren?

Ganz einfach: weil Politik mit jedem Einzelnen von euch was zu tun hat. Wenn Politiker beschließen, die Umwelt besser zu schützen, hat das Auswirkungen auf uns alle. Wenn sie ein Gesetz mit Regeln für soziale Medien machen, wirkt sich das auf jedes Smartphone aus.

Politik betrifft aber nicht nur jeden, sie wird auch von allen gemacht. Kein Witz! Denn Deutschland ist eine Demokratie. Das bedeutet, dass alle Macht vom Volk ausgeht – und da gehört ihr natürlich auch dazu. Weil sich logischerweise aber nicht immer alle Bürger treffen können, um zusammen wichtige Entscheidungen zu treffen, gibt es den Bundestag. So heißt das Parlament unseres Landes. Dort sitzen die Politiker, die vom Volk gewählt wurden. Bei der kommenden Bundestagswahl jetzt im Herbst dürfen alle Wahlberechtigten entscheiden, von welchen Politikern und welchen Parteien sie in den nächsten vier Jahren vertreten werden wollen. Ihr habt richtig gelesen: Im Prinzip sind Politiker unsere Stellvertreter, ein bisschen wie Klassensprecher in der Schule. Politiker sind dazu da, für die Meinungen und Ansichten von uns allen zu kämpfen.

Nun dürfen Kinder aber noch nicht wählen, ihr könnt also niemand zu eurem Stellvertreter machen. Vielleicht findet ihr das unfair – ist es irgendwie ja auch. Ein echter fail ist aber, dass viele nicht wählen gehen, obwohl sie es dürften! Mehr als 60 Millionen Menschen in Deutschland dürfen mitmachen, aber bei der letzten Bundestagswahl 2013 hat ein Drittel von ihnen nicht abgestimmt!

Das kann verschiedene Gründe haben. Manche denken sich vielleicht: "Die Politik ist mir zu kompliziert", "Ich blick bei den ganzen Parteien eh nicht durch" oder "Ich habe kein Vertrauen in die Politiker". Wenn Politiker und Parteien aber nur noch von wenigen Menschen gewählt werden, können sie nicht mehr für alle Bürger sprechen. Und wer nicht wählen geht, der verzichtet darauf, seine Meinung zu sagen. Das ist doch ziemlich bescheuert!

Keinen Bock auf Politik zu haben, das ist ein großes Problem. Vor allem junge Leute gehen oft nicht zur Wahl. Aber ohne diese Stimmen fehlt Deutschland was. Denn wir junge Menschen leben hier ja genauso wie alle Erwachsenen auch. Und auch für uns wird Politik gemacht. Die Politiker haben aber längst erkannt, dass eher die Älteren zur Wahl gehen. Deshalb machen sie vor allem Werbung für Senioren. In den sozialen Medien findet viel zu wenig statt. Da sind wir aber zu Hause: Jeder hat Facebook, Snapchat, Instagram und Twitter auf seinem Smartphone. Ich glaube, dass die Partei, die als erste das Internet wirklich kapiert, auch bei den jungen Wählern am besten ankommen wird.

Aber es liegt nicht allein an den Politikern, Bock auf Politik muss jeder selbst haben. Wenn man einmal gecheckt hat, dass Politik nicht von irgendwelchen Typen in Berlin gemacht wird, sondern das Leben von jedem von uns betrifft, kann man das doch nur cool finden.

Mitmachen geht auch schon, wenn man noch "zu jung" zum Wählen ist. Das ist sogar echt wichtig. Denn es ist ja nicht so, dass man zum 18. Geburtstag ein Paket Politik-Durchblick geschenkt bekommt und Parlament und Wahlen plötzlich voll spannend findet. Viele junge Leute, die sagen, sie würden Politik nicht raffen, hätten vielleicht mal früher den Arsch hochkriegen müssen.

Außerdem: Großes beginnt im Kleinen. Ihr könnt weit mehr bewegen, als "nur" wählen zu gehen. Politik ist überall um euch rum: Gibt es Plätze bei euch im Viertel, wo Kinder spielen und toben können, oder müsst ihr die ganze Zeit leise sein, und es gibt weit und breit keinen Spielplatz? Wird eine große Straße quer durch euren Ort gebaut? Sind bei euch in der Klasse Flüchtlingskinder? All das ist Politik – und da könnt ihr euch einmischen.

Falls ihr jetzt an euren Fußballverein oder an das Schulorchester denkt: Das allein macht noch keine Politik. Wenn der Fußballverein aber junge Flüchtlinge zu einem Turnier einlädt oder das Schulorchester bei einer Demonstration spielt, dann geht es nicht nur um Sport oder Musik – dann geht es auch um eine politische Aktion.

In der Politik ist jeder gefragt. Und es ist verdammt cool, weil man vor der eigenen Haustür was bewegen kann. Sagt zu Hause und in der Schule eure Meinung, oder schreibt eurem Bürgermeister oder Abgeordneten, wenn euch was aufregt. Es ist ihr Job, euch zuzuhören. Und sagt natürlich auch euren Eltern, was euch wirklich wichtig ist. Denn wenn eure Eltern wählen gehen, dann entscheiden sie damit auch über eure Zukunft.

Klingt alles nach viel Arbeit? Ist euch zu anstrengend? Klar, Demokratie ist mühsam. Und ja, Politik ist manchmal voll kompliziert. So ist das eben, wenn sich viele mit vielen Meinungen einigen müssen. Aber nur weil etwas schwierig ist, sollte man es nicht von vorneherein sein lassen. Sonst hättet ihr ja auch nie Fahrradfahren oder Skateboarden gelernt, oder? Und eins ist absolut klar: Wer erst nicht mitmischen will, der darf dann später auch nicht rumjammern, wenn ihm was nicht passt.

LeFloid hat auch ein Buch für Jugendliche gemacht. "Wie geht eigentlich Demokratie?" erscheint am 24. August im Fischer Verlag