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Die Türkei hat ein Kleidungsproblem, das so alt ist wie die Republik:

Atatürk wollte sein Land vom System religiöser Orden befreien und auf einen westlichen Weg bringen, deshalb untersagte er 1925, als er die Hutpflicht für Beamte einführte, per Dekret allen außer Geistlichen das Tragen von Turban und Talar in der Öffentlichkeit. Das wurde 1934 mit der "Kleiderreform" Gesetz. Doch die Debatte über den Dresscode flaute nie ab.

Als dem politischen Islam vor 20 Jahren der Aufstieg ins Ministerpräsidentenamt gelang, forderte er gleich zu Beginn das Gesetz heraus: Der damalige Premier Necmettin Erbakan lud Scheichs in "Turban und Talar" zum Fastenbrechen in seinen Amtssitz, was zum Auslöser einer Militärintervention einen Monat später wurde. Fünf Monate darauf musste er als Premierminister zurücktreten.

Gleichzeitig wurde auch auf Druck des Militärs Studentinnen mit Kopftuch der Zugang zu den Universitäten verwehrt. Unter den Studentinnen, die wegen ihres Kopftuchs nicht studieren konnten, waren die Ehefrau von Abdullah Gül, der später Staatspräsident werden sollte, und die Töchter Erdoğans, der dann zunächst Premierminister wurde.

Eine Reihe liberaler Intellektueller sprach sich gegen das Kopftuchverbot aus, denn es stellte ihres Erachtens einen Eingriff in die Bekleidungsfreiheit dar. Andere aber, die dem Laizismus Priorität vor der Bekleidungsfreiheit einräumten, warnten, wenn jetzt das Kopftuchverbot an staatlichen Bildungseinrichtungen aufgehoben werde, könnte das morgen die Einführung einer Kopftuchpflicht an Schulen bedeuten.

In diesen Debatten benutzte die AKP das Kopftuchverbot als politischen Trumpf auf ihrem Weg an die Macht. Bevor sie das Kopftuch freigeben konnte, wartete sie allerdings eine Weile ab, bis sie die Fäden in Armee und Justiz in Händen hielt. Fünf Jahre nach seinem Regierungsantritt hob Erdoğan das Kopftuchverbot an Universitäten auf und zehn Jahre danach im öffentlichen Dienst. Unmittelbar darauf zogen auch vier AKP-Abgeordnete mit Kopftuch ins Parlament ein, womit auch dort die Türen geöffnet waren. Anschließend wurde es auch für Polizistinnen, für Richterinnen und Staatsanwältinnen erlaubt.

Nun war die Reihe zu verbieten an jenen, die zuvor vom Verbot betroffen gewesen waren. Jene, die das Kopftuchverbot Schritt für Schritt aufgehoben hatten, setzten nun Schritt für Schritt den Zwang zum Kopftuch um.

Wenige Beispiele aus jüngster Zeit genügen, um deutlich zu machen, wie weit das bereits gediehen ist:

Im Maçka-Park in einem modernen Istanbuler Viertel wurde kürzlich ein junges Mädchen in Shorts von einem Wachmann aufgehalten: "In diesem Aufzug kann ich dich nicht in den Park lassen!" Neben Wachpersonal sind auch "ehrenamtliche Moralwächter" unterwegs: Erst vor wenigen Monaten war wiederum in Istanbul eine Studentin in einem Bus attackiert worden, weil sie Shorts trug.

Nicht bloß Frauen sind Ziel von Kleiderverboten, die immer weitere Kreise ziehen:

Als einer der Angeklagten im Putsch-Prozess in einem T-Shirt mit der Aufschrift Hero vor Gericht erschien, begann die Polizei, im ganzen Land Personen zu verhaften, die dieses T-Shirt trugen. Beim nächsten Verhandlungstermin hängten Hinterbliebene von Putsch-Opfern T-Shirts mit dem Aufdruck "Verräter" an symbolische Galgen. Beim verbotenen Pride-Marsch der LGBTI-Bewegung in Istanbul standen bunte Hemden und Minishorts im Fokus. Wer so gekleidet war, durfte nicht auf den Taksim, den größten Platz der Stadt.

Vergangene Woche gingen in Istanbul nun Frauen auf die Straße und hielten Shorts hoch. "Misch dich nicht in mein Leben und meine Kleidung ein" lautete das Motto der Demonstration, zu hören war der Slogan: "Wir ziehen an, was wir wollen, und gehen überallhin."

Der Kampf der türkischen Modernisierung für westliche Kleidung ist inzwischen zu einem Mittel des Widerstands geworden, um Laizismus und den eigenen Lebensstil zu verteidigen.

Während ich diese Zeilen schreibe, kündigt die jüngste Restriktionsmeldung neue Auseinandersetzungen an: Erdoğan gab bekannt, künftig sollten putschverdächtige Angeklagte in – mandelfarbenen – Einheitsoveralls "wie die in Guantánamo" gesteckt werden und Terrorverdächtige in "Hosen und Jackett".

Mit der Kritik "despotischer Einheitsstaat" kam die AKP an die Macht, nun schreitet sie weiter voran auf ihrem Weg, zu einem neuen Beispiel des politischen Islams nach iranischem Vorbild zu werden, das einen "noch viel despotischeren Einheitsstaat" errichtet.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe