Im Jahr 1995 kommt der Tag, an dem Stephen Crohn es endlich wissen will: Warum wurde ich verschont? Seinen Lebensgefährten hat es schon 1978 getroffen, Crohn hatte ihn bis zu dessen Tod gepflegt. Blind, schwer krebsleidend und voller Infektionen, war Jerry Green an einer noch namenlosen Krankheit gestorben. Später nannte man die Seuche Aids, Green war erst ihr viertes Opfer in den Vereinigten Staaten.

Und sie hörte nicht auf: Crohn sah viele Freunde und Bekannte aus der New Yorker Schwulenszene elend zugrunde gehen. Er selbst, ein Maler und Psychotherapeut, hat keinen Safer Sex praktiziert, nicht mit seinem längst infizierten Freund und auch nicht mit anderen Männern. Aber er lebt, fühlt sich gesund, und immer ist sein HIV-Test negativ. Das tückische Virus erwischt ihn einfach nicht.

Und er wollte wissen, warum. Bloßer Zufall? Unfassbares Glück? Crohn glaubte nicht daran. Er war sich sicher: Es gibt einen Grund.

Mitunter kommen bahnbrechende Fortschritte in der Medizin seltsam daher. Schon in den frühen Zeiten der modernen Heilkunst schenkten auffällige und tragische Einzelschicksale Ärzten neues Wissen: Im 18. Jahrhundert herrschte etwa in der britischen Landbevölkerung der Glaube, alle, die sich einmal mit den harmlosen Kuhpocken angesteckt hätten, seien danach vor den tödlichen Menschenpocken sicher. Auch der britische Arzt Edward Jenner bemerkte, dass Melkerinnen, die sich von Berufs wegen häufig die Kuhpocken zuzogen, von den gefährlichen Menschenpocken verschont blieben. Im Mai 1796 startete er einen Menschenversuch: Jenner infizierte den achtjährigen Sohn seines Gärtners erst mit dem Erreger der Kuhpocken, dann mit den Menschenpocken. Das Kind blieb gesund – die Pockenschutzimpfung war erfunden.

Auch die Afroamerikanerin Henrietta Lacks brachte die Wissenschaft voran. Sie starb 1951 an Gebärmutterhalskrebs. Ihre Tumorzellen aber überleben bis heute; sie waren die ersten, die in einem Labor gezüchtet werden konnten. Die "HeLa-Zellen" bescherten der Krebsforschung entscheidende Erkenntnisse.

Immer wieder stehen Mediziner vor Menschen, die eigentlich an einer bestimmten Krankheit leiden sollten – von ihr aber auf unerklärliche Weise verschont werden. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum kann der Wissenschaft wahre Durchbrüche bescheren.

Im Kampf gegen Krebs etwa testen Wissenschaftler neue Tumormedikamente im Großversuch. Sie scheitern zunächst, keinem der Patienten hilft die Arznei. Wirklich keinem? Doch – da sind ein paar vereinzelte Kranke, deren Zustand sich plötzlich exorbitant verbessert.

Oder all jene Individuen, womöglich schon mit einem stattlichen Alter gesegnet, die nach den Regeln der Schulmedizin niemals hätten erwachsen werden dürfen, die eigentlich schon als Kinder an einer tödlichen Erbkrankheit hätten sterben müssen. Aber sie leben. Bloß eine Laune der Natur? Oder mehr?

Diese Patienten, deren Biografie gegen jedes Lehrbuchwissen verstößt, die aller ärztlichen Erfahrung spotten oder die Regeln der Genetik durchbrechen, erzählen klassische Wundergeschichten. Kranke, die unbegreifliche Gesundungen erleben. Und Gesunde, die nach menschlichem Ermessen tot sein müssten. Die ganz großen Ausnahmen eben. Häufig wurden sie als unbedeutend abgetan, als Zufälle, Ausreißer, Irrtümer. Denn als Messlatte der Wissenschaft diente stets der statistische "Mustermann".

Doch am Durchschnittskranken lernt man nicht viel. Deshalb haben Pharmaforscher, Mediziner und Biowissenschaftler begonnen, eine neue Sicht zu entwickeln: Gerade die außergewöhnlichen, scheinbar zufälligen Glücksfälle können sich als ungeheuer wertvoll erweisen; in solch besonderen Menschen, ihren Genen oder Lebensumständen, liegt womöglich ein gewaltiger Erkenntnisschatz verborgen: Wissen für unmögliche Heilungen und überraschende Therapien für Leiden, vor denen die Medizin kapituliert hat.

"Wieso stecke ich mich nicht an, Doc?" Stephen Crohn sitzt mit dem negativen HIV-Test in der Praxis seines Hausarztes. Der Doktor kann ihm keine Antwort geben, aber er weiß, wer es könnte: Bill Paxton. Der Aids-Forscher arbeitet 1995 am neu gegründeten Aaron Diamond Aids Research Center in New York. Auch er und seine Kollegen haben von den wundersamen Fällen gehört; wie Mythen kursieren sie in den schwulen Communitys von San Francisco und New York: promiskes Sexualverhalten, ungeschützter Verkehr mit HIV-positiven Partnern – und trotzdem keine Infektion. Solchen Gerüchten müsse man nachgehen, haben die Wissenschaftler beschlossen. Da kommt der Anruf von Crohns Arzt: "Bill, ich habe hier den idealen Probanden." Paxton ist elektrisiert. Es gibt ihn also! Diesen einen, der dem Virus unzählige Male getrotzt hat.

Stephen Crohn stellt sich für Untersuchungen sofort zur Verfügung. Er ist entschlossen, sein Rätsel zu lösen. Die Crohn-Familie blickt selbst auf eine medizinische Tradition zurück: Die chronische Darmkrankheit Morbus Crohn trägt ihren Namen – Stephen Crohns Großvater, ein Arzt, hat sie einst entdeckt.