Ob man hier Eintritt zahlen muss, diese Frage hören die Mitarbeiter von Esther Schipper in letzter Zeit häufiger. Wenn die Besucher die neuen Räume ihrer Berliner Galerie betreten, reagieren nicht wenige überrascht: Die Halle ist mit 540 Quadratmetern riesig, die ausstellenden Künstler sind international bekannt. Anri Sala etwa, der 2013 auf der Biennale von Venedig vertreten war, hat den Ort im Frühjahr mit der raumfüllenden Video-Projektion Take Over eingeweiht; zeitgleich waren Skulpturen von Angela Bulloch zu sehen, die 2007 für den britischen Turner Prize nominiert war. Aktuell stellt der Brite Liam Gillick aus, die Schau ist Auftakt für eine Archivierung seines umfangreichen grafischen Werks. Über ein Jahr haben die Bauarbeiten gedauert, um den schlichten Rohbau an der Potsdamer Straße in einen imposanten White Cube zu verwandeln. Der Vergleich mit einem Kunstverein oder kleinen Museum drängt sich auf – das erklärt auch die Verwirrung der Besucher um den Eintrittspreis, den eigentlich keine Galerie verlangt.

Wieso aber verdoppelt eine Berliner Galeristin ihre Ausstellungsfläche in einer Zeit, in der Kollegen zur Klage neigen? Diese klagen zum Beispiel über die Zwänge des aktuellen Kunstmarktes, wie etwa steigende Mieten, hohe Messekosten und den Verlust des ermäßigten Steuersatzes auf Kunst vor drei Jahren. Das bringt einige in Bedrängnis: In der Hauptstadt mussten seit 2012 fast 50 Galerien schließen, das hat der Landesverband der Berliner Galerien gezählt. Zwar fällt das bei gut 300 Kunsthändlern in Berlin kaum auf – aber es ist ein Zeichen für den wachsenden Druck. Auch Esther Schipper musste sich überlegen, wie sie mit diesen neuen Herausforderungen umgeht.

Für Esther Schipper haben die Veränderungen schon mit der Digitalisierung und Globalisierung begonnen, diese zwängen Galeristen zur Beobachtung des internationalen Marktes. Außerdem würden die Aufgaben wachsen: "Heute repräsentieren wir Künstler nicht nur auf dem Markt, sondern leisten eine enorme begleitende Arbeit für institutionelle Ausstellungen und Publikationen." Als Schipper Ende der achtziger Jahre als Galeristin in Köln begann, konnte sie die Werke erfolgreicher Künstler direkt im Atelier kaufen und sie als Neuerwerbungen in der Galerie ausstellen. Heute ist die Galerie der Ort, an dem ein Künstler oft erst sichtbar wird.

Dafür brauchte Esther Schipper mehr Platz. Vor zwei Jahren ist sie überdies mit der renommierten Berliner Galerie Johnen fusioniert und hat zahlreiche Künstler hinzugewonnen. Andere große Galerien wie Sprüth Magers, Max Hetzler oder Johann König haben anders auf die neuen Anforderungen reagiert: Neben ihrem Stammsitz in Berlin haben sie internationale Dependancen eröffnet, oder eröffnen sie gerade. Schipper hingegen will ihre Ausstellungen weiterhin auf Berlin konzentrieren. Für die weltweite Arbeit mit Kunden, Künstlern und zur Unterstützung internationaler Ausstellungen oder Großprojekte reise sie ohnehin knapp 80 Prozent ihrer Zeit. Gerade junge Galeristen hingegen würden sich durch die Globalisierung unter Druck sehen, möglichst schnell auf möglichst viele internationale Messen zu gehen, meint Schipper, das sei bedenklich. Denn: "Das Erforschen und Entdecken von junger Kunst wird oft gar nicht von den großen Sammlern geleistet." Messen seien eine Art "Vitrine" für die Galerie – keine Alternative. Profunder über die Galerie und den Künstler zu sprechen sei fast "undenkbar" auf einer Messe. In der Galerie dagegen gehe das immer.

Die Frage der Besucher nach dem Eintritt für die neuen Räume trifft genau diesen Punkt. Eine Galerie lebt von ihren Verkäufen – aber eben nicht allein. Daneben ermöglicht sie es jedem, die aktuellen Ausstellungen zu sehen. In der Galerie Esther Schipper ebbt das Publikum seit der Wiedereröffnung im Frühjahr kaum ab. Zwar ist die Zahl der Sammler und Kuratoren überschaubar. Dafür entsteht eine kontinuierliche Öffentlichkeit, die wiederum für Diskurs sorgt.

Expansion und die Rückbesinnung auf den Standort Berlin – das ist Esther Schippers Strategie für die Zukunft. Übertragbar ist das Modell eher nicht, aber vielleicht ein Impuls, sich den vorgeblichen Zwängen des Kunstmarktes weniger zu beugen.