DIE ZEIT: Herr Mordmüller, wenn alles klappt, wollen Sie 400 Schulkinder in Gabun gegen Malaria impfen. Wo und wie finden Sie Ihre Probanden?

Benjamin Mordmüller: Wenn alle Genehmigungen vorliegen, eigentlich ganz einfach: Von unserem Forschungszentrum in Lambarene aus bewegen wir uns die Straße entlang, 50 Kilometer in beide Richtungen. Wir sprechen mit Bürgermeistern, Eltern, Lehrern, machen Infoveranstaltungen ... Wer Interesse hat, kommt zu uns.

ZEIT: Und bekommt dafür ein Honorar?

Mordmüller: Nein, Geld gibt es keins. Dafür zwei Jahre lang regelmäßig medizinische Checks. Und natürlich Schutz gegen Malaria. Wir hoffen, dass dies bei mindestens drei Vierteln der Geimpften klappt – und das für ein Jahr oder länger.

ZEIT: Der Impfstoff, den Sie am Tübinger Tropeninstitut entwickelt haben, verspricht aber sogar einen "bis zu 100-prozentigen Impfschutz".

Mordmüller: Ich bin etwas unglücklich über diese Prozentangaben. In unserem Fall heißt das: In der Studie, die wir im Frühjahr veröffentlichten (Nature: Mordmüller et al., 2017), waren neun von neun Teilnehmern nach der Impfung immun – wir konnten sie beim Kontrollversuch zehn Wochen später nicht mit Malaria-Erregern infizieren. Nun muss sich aber erst zeigen, wie die Impfung in Malaria-Gebieten funktioniert.

ZEIT: Wie sieht Ihr Ansatz aus?

Mordmüller: Wir spritzen im Abstand von je vier Wochen dreimal rund 50.000 lebende, nicht abgeschwächte Sporozoiten direkt in die Venen der Probanden. Das ist das Entwicklungsstadium des Erregers, das auch bei einem Mückenstich in den Körper gelangt. Während der Impfungen bekommen die Patienten das Medikament Chloroquin.

ZEIT: Jahrzehntelang das Mittel der Wahl bei der Malaria-Therapie.

Mordmüller: Genau. Es wirkt allerdings erst im Blutstadium gegen die Erreger. Vorher vermehren sich diese in der Leber. In dieser Phase hat das Immunsystem etwa eine Woche Zeit, sie zu erkennen und sich gegen sie zu wappnen. Sobald die Erreger nun die Leber verlassen und ins Blut gelangen, tötet sie das Medikament. Wir haben die Menschen also infiziert – aber die Krankheit bricht nicht aus.

ZEIT: Die Methode klingt bestechend einfach – und wird schon seit über 100 Jahren erforscht. Zum Einsatz kam sie nie. Warum jetzt?

Mordmüller: Stimmt, die französischen Brüder Sergent haben schon 1910 damit experimentiert, allerdings an Kanarienvögeln. Später haben US-Forscher mit einem ähnlichen Ansatz einigermaßen erfolgreich geimpft. Aber sie waren nicht in der Lage, die Erreger sauber aus den Mücken zu extrahieren. Aus diesem Grund mussten sich die Probanden von infizierten Mücken stechen lassen, rund 1.000-mal. Eine Tortur – weder zumutbar noch zulassungsfähig. Wir haben es geschafft, eine Erregerlösung herzustellen, die mit der Spritze injiziert wird und die den strengen Vorgaben der Arzneimittelproduktion entspricht. Die Methode ist viel praxistauglicher.

ZEIT: Ist Ihnen also endlich der Durchbruch in der Malaria-Impfung gelungen?

Mordmüller: Nein, aber ein entscheidender Schritt. Der Durchbruch ist, dass wir überhaupt eine Methode zur Verfügung haben, mit der wir zuverlässigen Schutz herstellen und die wir in Afrika prüfen können.

ZEIT: Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Mordmüller: In der Forschergemeinde wird diskutiert, ob das zumindest ein gutes Modell sein könnte, das uns hilft, neue Impfstoffkandidaten zu erproben. Oder handelt es sich dabei selbst schon um einen neuen Impfstoff? Manche Kollegen wollen ihn so schnell wie möglich anwenden. Andere sagen, das Verfahren sei viel zu kompliziert. Der Impfstoff muss beispielsweise tiefgefroren gelagert werden. Außerdem ist eine intravenöse Impfung sehr ungewöhnlich.

ZEIT: Nun also der Praxistest in Lambarene. Was genau wollen Sie herausfinden?

Mordmüller: Ob die Methode auch in größerem Rahmen in Malaria-Gebieten funktioniert. Bietet sie Schutz gegen wilde Erregerstämme und den natürlichen Infektionsweg? Immunisiert sie auch Kinder, die wichtigste Zielgruppe?

ZEIT: Aber kommen die Bewohner von Malaria-Gebieten überhaupt als Zielgruppe für eine solch anspruchsvolle Impfung infrage? Oder sind das nicht eher zahlungskräftige Touristen, die sich für ein paar Wochen schützen wollen?

Mordmüller: Wir entwickeln für Afrika – und denken dabei zum Beispiel an Regionen, in denen es Medikamentenresistenzen gibt. Ein Team könnte mit dem ganzen Equipment für einige Wochen dorthin fahren. Wenn die Methode funktioniert, wird die Übertragung unterbrochen, und der resistente Parasit kommt nicht raus aus der Region. Aber wir sagen auch nicht Nein zum westlichen Markt: Wie fast alle Malaria-Mittel würde unser Impfstoff wohl auch hierzulande teuer an Reisende verkauft werden. In den betroffenen Gebieten jedoch gibt es ihn zum Selbstkostenpreis oder darunter.