Die schönsten Momente mit Martin Roth waren jene, in denen er merkte, dass er wieder einmal zu offen gewesen war. Wenn sich eine Äußerung nicht mehr einfangen ließ, weil sie schon gedruckt oder gesendet war: die Kritik am konzeptlosen Humboldt Forum, an der Kulturstaatsministerin, am deutschen Verhältnis zu China und Russland. Wahrscheinlich hätte er das lieber lassen sollen, sagte er dann: "Jetzt unterstellen mir wieder alle eine Agenda." Was er gesagt habe, sei aber nun einmal seine Überzeugung gewesen – und nach der habe man ihn schließlich gefragt.

Martin Roth, der am frühen Sonntagmorgen im Alter von 62 Jahren gestorben ist, wollte seinen Glauben an die Kraft der Vernunft, des Wissens und der Aufklärung, die die Welt eben doch vielleicht wenigstens ein klein wenig friedlicher machen könnten, nie aufgeben. Die Kultur war sein Mittel zum Zweck. Wenn man darüber mit ihm sprach, war er begeistert wie ein kleiner Junge. Wenn er mit Sponsoren, Leihgebern, Ausstellungspartnern über die entsprechenden Projekte verhandelte, entwickelte er dagegen eine professionelle Leidenschaft und Überzeugungskraft, die manche als Eitelkeit missverstanden: Dabei war Martin Roth nicht von sich selbst begeistert, sondern von den Ideen. Seine beinahe aristokratische Erscheinung, sein engagiertes und dennoch diplomatisches Auftreten und seine weltgewandte Eloquenz halfen ihm bei der Umsetzung.

Bis ins Detail hinein konnte der gebürtige Stuttgarter von den kleinen Handwerksbetrieben erzählen, die in seiner schwäbischen Heimat vor dem Abriss gerettet und in Industriemuseen umgewandelt wurden, um der dortigen Bevölkerung von ihrer eigenen Vergangenheit zu erzählen. Seine Mutter war Näherin gewesen, hatte dem Sohn das Studium der empirischen Kulturwissenschaft mit ermöglicht.

Das Selbstverständnis als Forscher über die Möglichkeiten der Institution Museum nahm er mit, als er nach zwei Jahren am Deutschen Historischen Museum in Berlin 1991 als Direktor ans Deutsche Hygiene-Museum in Dresden wechselte. Zehn Jahre später wurde er zum Generaldirektor der Staatlichen Gemäldesammlungen Dresden berufen.

Beim katastrophalen Elbhochwasser 2002 stand der Generaldirektor dort mit Gummistiefeln in den Fluten und telefonierte zwischendurch immer wieder mit den zuständigen Ministerien, um aus der akuten Situation heraus sofort neue Strukturen, Gebäude, Finanzierungen zu sichern. Häuser wie das Grüne Gewölbe oder das Albertinum wurden komplett saniert und neu eingerichtet. Roth förderte die Forschung und baute internationale Kontakte in alle Welt – darunter nach Russland – auf, wie sie nur wenige Häuser haben. Er holte Gerhard Richter und Georg Baselitz nach Dresden zurück und stellte ein Programm für moderne und zeitgenössische Kunst auf die Beine, wie es die Stadt bis dahin nicht kannte. Für seine Kooperation mit China wurde Roth heftig kritisiert; auch sie war für ihn eine Form des Dialogs.

Als er 2011 ans Victoria and Albert Museum nach London wechselte, überlagerte die Freude über den "ersten deutschen Museumsdirektor in England" die Debatte darüber, warum es Deutschland nicht gelungen war, ihn zu halten. Tatsächlich hatte man Martin Roth, als 2008 in der Berliner Museumslandschaft die Posten neu verteilt worden waren, bewusst übergangen – obwohl es vorher vor allem von einem direkt beteiligten Amtsinhaber andere Zusagen an ihn gegeben hatte. Roth galt als politisch nicht steuerbar – wenn er zum Beispiel immer wieder darauf hinwies, dass viele Museen inzwischen weder über einen Ankaufs- noch über einen gesicherten Ausstellungsetat verfügen.

Auch als Direktor in London erfand er das Museum neu: organisierte um, plante eine partizipative Filiale auf dem ehemaligen Olympiagelände im Londoner Osten. Die begehrte Auszeichnung "Museum of the Year" für das vorher verschnarchte V&A war nicht das Ergebnis konventioneller Kulturpolitik. Sie wurde verliehen für Ausstellungen über Steve McQueen, David Bowie und die Protestbewegung der späten sechziger Jahre. Die Unterstellungen, er habe London nur verlassen, um in Berlin Kulturstaatsminister zu werden, haben Roth getroffen. Von seinem Entschluss, das V&A nach fünf Jahren zu verlassen, erzählte er vertraulich schon im Sommer 2016: Er wolle sich wieder stärker politisch engagieren, unabhängig von den Zwängen einer Institution, und mehr Zeit für Frau und Kinder haben. Das Brexit-Votum bekräftigte den lange vorher gefällten Entschluss.

Er freue sich, sagte Martin Roth noch vor wenigen Wochen auf der Documenta, dass es auch wieder um Politik gehe – und nicht nur um Kunst. Die Diagnose, die bedeutete, dass er selbst für sein Lebensprojekt nicht mehr viel Zeit haben würde, kam am Tag, nachdem sein Vertrag in London beendet war. Daran gearbeitet hat er trotzdem noch bis wenige Tage vor seinem Tod.

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