DIE ZEIT: Frau Stange, Sie haben Martin Roth, der am Wochenende in Berlin gestorben ist, als "wahren Freund" bezeichnet. Was hat Sie mit ihm verbunden?

Eva-Maria Stange: Dass wir so ehrlich zueinander sein konnten. Das ist nicht selbstverständlich. Ich bin schockiert, so tief erschüttert über seinen Tod.

ZEIT: Wann sind Sie sich erstmals begegnet?

Stange: Daran kann ich mich noch sehr genau erinnern. Damals, 2006, war ich gerade Wissenschafts- und Kunstministerin geworden, also auch für die Staatlichen Kunstsammlungen zuständig. Und Martin Roth, damals deren Generaldirektor, kritisierte auf seiner Jahrespressekonferenz die Regierung: Er beschwerte sich über Stellenstreichungen, die schwierige finanzielle Situation. Sogar der Ministerpräsident ärgerte sich.

ZEIT: Und, wie haben Sie reagiert?

Stange: Ich habe mich mit ihm verabredet – und es passierte etwas Ungewöhnliches.

ZEIT: Was denn?

Stange: Mir wurde schnell klar: Er hatte einfach recht mit seiner Kritik. Die Stellenstreichungen waren übertrieben. Er überzeugte mich und die Staatsregierung, sein Haus besser auszustatten.

ZEIT: Er war 1991 nach Dresden gekommen, ans Hygiene-Museum. Später, von 2001 an, führte er die Staatlichen Kunstsammlungen wieder zu Weltruhm. War er ein Aufbauhelfer, wie man ihn sich nicht besser vorstellen konnte?

Stange: Ja, das war er. Sehen Sie: Kurz nach dem Mauerfall war längst nicht klar, ob und wie man die vielen traditionsreichen Kunsteinrichtungen wirklich über die Wende retten konnte. Ob es möglich sein würde, den Schatz, den wir hier hatten, zu erhalten. Viele Menschen hatten Zweifel. Vieles drohte im Strudel dieser Zeit unterzugehen. Alles erschien wichtiger als die Museen. Deswegen war es ein Zeichen für sich, dass ein talentierter Ausstellungsmacher wie er ausgerechnet nach Sachsen kommt.

ZEIT: Was hat ihn am Osten gereizt?

Stange: Darüber haben wir einmal gesprochen. Er sagte mir, ihn habe vor allem gereizt, dass hier alles neu werden konnte, dass nichts so gemacht werden musste, wie es immer war. Er war damals erst 36 Jahre alt, hatte aber schon Erfahrung, war zuvor am Deutschen Historischen Museum gewesen. Andererseits war er klug genug, nicht hierherzukommen und alles auf den Kopf zu stellen. Sondern er hat sich interessiert, welche Geschichte die Häuser hatten. Und was darin wieso eigentlich zu DDR-Zeiten bewahrt worden ist. Er wollte niemandem etwas überstülpen, wollte die Identität eines Hauses finden, sichtbar und groß machen.