Wie kommen Jugendliche eigentlich mit der Informationsschwemme klar, die das Internet liefert? Aktuelle und veraltete Informationen stehen dort zumeist ohne Quellenangaben nebeneinander, Nachrichten kommen und gehen, Bilder flackern auf, und die verkürzten Inhalte führen zu keinem tieferen Verständnis.

Ein regelmäßiger Zeitungsleser kann Berichte noch einigermaßen einsortieren, denn er kennt die politische Ausrichtung seines Blatts, er hat gelernt, zwischen Genres zu unterscheiden, und er kann sich deshalb in aller Ruhe ein eigenes Bild machen. Er darf auch darauf vertrauen, dass qualifizierte und namentlich genannte Redakteure für ihn zwischen Fake-News und echten Nachrichten unterscheiden, dass die faktenbasierte Neuigkeit in einen Gesamtzusammenhang gestellt wird, bevor sie kommentiert wird. Ein Zeitungsleser verlässt sich darauf, dass unterschiedliche Blickwinkel dargestellt werden, und wird sich selbst eine Meinung bilden. Schöne alte Welt!

Wenn man sich an einer Berufsfachschule in Brandenburg über ein Schuljahr hinweg fünf Deutschklassen mit insgesamt rund 90 Schülern ab 17 Jahren anschaut, dann kommen gewisse Zweifel auf, ob sich eine ähnliche Medienkompetenz auch in der Generation der Digital Natives ausbilden wird, für die das Internet die erste und meist einzige Informationsquelle ist. Von diesen Schülern, die zu etwa einem Drittel Abitur gemacht haben und zu einem nicht unerheblichen Teil zumindest bis einschließlich der elften Klasse eine höhere Schule besuchten, hatten alle bis auf drei grundsätzliche Schwierigkeiten, einen orthografisch akzeptablen Artikel zu verfassen, in dem sie argumentativ ihre eigene Meinung darlegen sollten. In Diskussionen neigen sie in erschreckendem Maße dazu, sofort eine Einheitslinie zu finden, statt Pro und Kontra abzuwägen und auch einmal in diesem letztlich geschützten Umfeld eine Meinung entgegen jener der Mehrheit zu vertreten. Übungen zum Verständnis von Texten, die sich außerhalb ihres alltäglichen Interessenspektrums bewegen, waren willkommen, haben aber nicht dazu geführt, dass sich die Schüler selbst mehr Wissen zum Thema außerhalb der Schule angeeignet hätten. In der Freizeit werden allgemein keine Bücher oder überregionalen Zeitungen gelesen, das Programm der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird selten genutzt, den Überblick über das Tagesgeschehen beschaffen sich die Schüler ausnahmslos im Internet.

Nun haben wir uns schon daran gewöhnt, dass Kinder das Fernsehen als dritten Elternteil begreifen. Aber das Internet ersetzt jetzt auch oft noch das Korrektiv sozialer Kontakte. Die Wirklichkeit wird durch einen Tunnelblick auf die eigenen Interessen wahrgenommen.

Sicher, neunzig Schüler stehen nicht für eine ganze Republik. Aber solche Beobachtungen liefern immerhin einen kleinen Einblick in die Generation der unter 30-Jährigen. Aber bundesweite Emnid-Studien oder die AWA Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse aus dem vergangenen Jahr stützen diesen sicherlich subjektiven Eindruck. Aufgeschlossene, fröhliche junge Menschen wachsen zu teilunmündigen Bürgern heran. Sie werden zu Opfern der Algorithmen, die die Nachrichtenauswahl für jeden einzelnen User im Netz leiten. Informationsbürger zweiter Klasse – nichts anderes passiert mit diesen jungen Leuten in der virtuellen Realität.

Facebook, Twitter & Co machen niemanden zu einem am öffentlichen Leben teilhabenden Staatsbürger. Erst der freie Zugang zu Informationen und die Fähigkeit, sie eigenständig zu bewerten, ermöglichen die Ausübung des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung. Sich des eigenen Verstandes nur unter der Leitung eines anderen zu bedienen, weil man die Informationen bereits richtungsweisend aufbereitet bekommen hat – das ist das Prinzip der Propaganda. Heute gibt es den Newsfeed, also die von Algorithmen maßgeschneiderte Nachrichtenversorgung. Selbst wer die Suchmaschinen nutzt, dessen Ergebnisse werden gefiltert. Im Big-Data-Zeitalter sortieren Algorithmen Bewerbungen, vergeben Kredite und passen Werbung an. Aber sie liefern Nutzern auch die Information, die sie – mutmaßlich – suchen. Wer ausschließlich im Internet unterwegs ist, dessen eigene Meinung wird fortwährend bestätigt, und sei sie noch so kurzsichtig. Das macht eine ganze Generation anfällig für Manipulierungen und Desinformation, für gezielte Meinungsbeeinflussung durch Social Bots oder lancierte Fake-News.

Diese Bedrohungen bestehen generell für jeden, verschärfen sich jedoch durch die eigene Bequemlichkeit. Dagegen hilft, den Interessenhorizont weit zu halten, sich lebenslang zu bilden und sich in ergebnisoffenen, generationsübergreifenden Gesprächen mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Schon jetzt sind im Cyber-Raum mehr Bots als Menschen unterwegs, wie man den sicherheitspolitischen Überlegungen des Weißbuchs 2016 entnehmen kann. Es braucht ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die real existierenden hybriden Gefährdungen und das Engagement jedes Einzelnen für eine bessere Medienkompetenz. Die Generation der unter 30-Jährigen ist nicht schlauer, weil sie sich einer Technologie verschrieben hat, die die Älteren nur selektiv nutzen oder gar ablehnen, aber sie wird definitiv dümmer, wenn die restliche Gesellschaft ihr dabei nur zuschaut, wie ein bloßes Medium für sie das Denken übernimmt.

Angesichts der zunehmenden Flut von Informationen sollten wir durch eine auf Bildung fußende Aufklärung 2.0 wenigstens eine Teilmündigkeit retten – bevor der Computer uns zu dümmeren Menschen macht.