Eine der größten und zugleich skurrilsten Erfolgsgeschichten der Pharmaforschung begann vor mehr als 30 Jahren, als der Konzern Pfizer sich anschickte, ein neues Herzmedikament zu entwickeln. Es sollte gegen Angina Pectoris helfen, jenes schmerzhafte Symptom einer Gefäßverkalkung im Herzen – ein Vorbote des Herzinfarkts. Die Pfizer-Forscher entwickelten einen Stoff mit gefäßerweiternder Wirkung und nannten ihn Sildenafil. In Tests an gesunden Probanden erwies sich die Substanz als durchaus wirksam, allerdings reagierten die Testpersonen mit seltsamen Nebenwirkungen: Einige beklagten Störungen des Farbensehens, viele berichteten von spontanen Erektionen. Zunächst nahm das niemand ernst.

Trotz seiner Wirksamkeit zeigte sich bald, dass der Stoff Sildenafil als Herzmedikament ungeeignet war: Er wurde im Körper zu schnell abgebaut, sodass die Patienten ihn öfters am Tag hätten einnehmen müssen; außerdem entdeckte man Wechselwirkungen mit Nitroglyzerin, dem Standardmedikament gegen Angina Pectoris. Die Studien wurden abgeblasen. Damit begann die zweite, die eigentliche Karriere der Substanz. Viele männliche Studienteilnehmer weigerten sich nämlich, die überzähligen Testtabletten wieder zurückzugeben. Als Grund nannten sie, das Medikament tue ihnen generell recht gut.

Pfizer kam dem Rätsel rasch auf die Spur. Die potenzsteigernde Wirkung von Sildenafil hatte es den Probanden angetan. 1994 startete die Firma daher eine Erprobung des Stoffs als Mittel gegen Erektionsstörungen. Die Schwellkörper füllen sich bei einer Erektion ebenfalls durch Erweiterung der Gefäße. Nach einer ganzen Testreihe stand fest: Der Stoff Sildenafil konnte ausbleibende Erektionen zurückholen. Als Viagra kam die erste Potenzpille weltweit auf den Markt. Schon in den ersten Wochen nach der Zulassung 1998 stellten die Ärzte in den Vereinigten Staaten und Europa Millionen Rezepte für Viagra aus. Das gescheiterte Herzmittel wurde zum Megaseller.

Und dann machte Sildenafil noch eine dritte Karriere. Bluthochdruck im Lungenkreislauf, die sogenannte pulmonale Hypertonie, ist eine chronische und oft fortschreitende Erkrankung, die zum Tod durch Herzversagen führen kann. Schon bald nach dem Höhenflug von Viagra überlegten Pharmakologen, ob Sildenafil nicht auch die Gefäße der Lunge entspannen und somit als Mittel gegen Lungenhochdruck eingesetzt werden könnte. Auch das wurde zum Erfolg, seit 2005 ist Sildenafil zur Behandlung dieses Leidens zugelassen.

Viagra ist beileibe nicht das einzige Mittel, dessen Nebenwirkung sich als der wahre Erfolg herausstellte. Das Antidepressivum Prozac etwa, ebenfalls ein Blockbuster, war vom Pharmakonzern Eli Lilly ursprünglich als Medikament gegen Bluthochdruck erfunden worden. Bei der Prüfung scheiterte es zwar an mangelnder Wirksamkeit, doch fiel sein günstiger Effekt auf die Psyche bei den Studienteilnehmern auf – sie wirkten ungewöhnlich vergnügt. Die stimmungsaufhellende Nebenwirkung der Substanz Fluoxetin zeigte sich bei depressiven Patienten ebenfalls, und so wurde das Mittel 1988 als das Antidepressivum Prozac in den USA und 1990 unter dem Handelsnamen Fluctin auch in Deutschland zugelassen. Das Medikament war nicht nur ein echter Umsatzschlager. Es war zugleich der Durchbruch einer neuen Substanzklasse in der Therapie von Depressionen, der sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), die den Spiegel des Neurotransmitters Serotonin im Hirn erhöhen.

Das bekannteste Beispiel für die Zweitwirkung eines Medikaments ist Azetylsalizylsäure. Das sogenannte ASS ist seit Langem bekannt als Wirkstoff, der in vielen Schmerzmitteln enthalten ist. Er stoppt die Synthese von Gewebehormonen, die für die Schmerzempfindung wichtig sind, indem er ein Enzym hemmt. Wer ASS aber regelmäßig schluckt, macht auch die Erfahrung, dass schon ein leichter Stoß schnell zum Bluterguss führt. Der Grund: ASS hemmt auch die Zusammenballung der Blutplättchen, die ein kleines geplatztes Gefäß schnell wieder verschließen. Seit einigen Jahren nutzen Mediziner diese gerinnungshemmende Nebenwirkung als Thromboseprophylaxe, um Blutgerinnsel in der Blutbahn zu verhindern. Vor allem Herzpatienten kann es in niedriger Dosierung vor einem zweiten Infarkt schützen.

Und es gibt noch eine Vielzahl weiterer erfreuliche Nebenwirkungen, die zu einer zweiten Zulassung der Medikamente bei den Behörden führten: Clonidin etwa wirkte zwar nicht gegen Schnupfen, dafür aber gegen Bluthochdruck und Schmerzen.

Der Wirkstoff Finasterid hilft bei Prostatavergrößerung, wirkt aber auch gegen Haarausfall.

Die Substanzen Raloxifen und Tamoxifen waren zwar als Pille danach ungeeignet, dienen aber zur Vorbeugung von Brustkrebs und werden inzwischen auch in Medikamenten gegen Osteoporose eingesetzt. Und so weiter und so fort.