DIE ZEIT: Lord King, Sie halten den Brexit für richtig. Inwiefern nützt er Großbritannien?

Mervyn King: Zunächst wird unsere Souveränität wiederhergestellt sein. Seit Jahrzehnten behaupten Pro-Europäer, die EU sei nur ein Wirtschaftsclub, der die nationale Selbstbestimmung nicht beeinträchtige. Das ist lächerlich, denn in Wahrheit stammen mehr als die Hälfte aller Regeln im britischen Gesetzbuch aus Brüssel. Dabei ist die EU ein politisches Projekt, dessen Ambitionen die Briten nie geteilt haben. Nehmen Sie die Migration. Nach der Osterweiterung 2004 versprach die britische Regierung, dass höchstens ein paar Tausend Migranten kommen würden. Am Ende waren es Millionen. Das Brexit-Referendum zeigt: Die Mehrheit der Briten will sich nicht von Brüssel vorschreiben lassen, wie viele Menschen in ihr Land kommen.

ZEIT: Und welche Vorteile wird der Brexit für die britische Wirtschaft haben?

King: Im Prinzip spricht nichts dagegen, dass Großbritannien aus der Zollunion und dem Binnenmarkt austritt und sich zugleich mit der EU auf ein Freihandelsabkommen einigt. Der freie Handel ist für alle von Vorteil. Warum also nicht den Status quo möglichst erhalten?

ZEIT: Sie wollen die Migration begrenzen, aber den freien Handel behalten? Das lehnt die EU ab.

Mervyn King ist Mitglied des House of Lords. Bis 2013 leitete er die Bank of England. Im Juli erschien sein Buch "Das Ende der Alchemie. Banken, Geld und die Zukunft der Weltwirtschaft" © Matthew Horwood/Getty Images

King: Wenn die EU kein Freihandelsabkommen will, wird der Warenaustausch nach den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) stattfinden. Das ist durchaus machbar. Der Handel mit den USA und China funktioniert ja auch so. Allerdings darf man nicht vergessen, dass britische Importe aus den EU-Ländern die Exporte um 140 Milliarden Euro übersteigen. Für die EU ist Großbritannien also ein wichtiger Absatzmarkt, und die Einführung von WTO-Zolltarifen von zehn Prozent hätte negative Folgen.

ZEIT: Außenminister Boris Johnson hat die deutschen Autobauer schon gewarnt, sie müssten sich auf Umsatzeinbrüche und Massenentlassungen vorbereiten, wenn aus dem Freihandelsabkommen nichts wird. Aber zehn Prozent höhere Preise schrecken britische Mercedes-Käufer kaum ab.

King: Mag sein, aber dann können Sie trotzdem nicht behaupten, dass der Handel nach WTO-Regeln ein Desaster für Großbritannien wäre.

ZEIT: Wie sieht es für die rund zwei Millionen Briten aus, die bei Finanzdienstleistern arbeiten?

King: Am Ende wird der Brexit für den Finanzsektor keine großen Folgen haben. In erster Linie geht es hier um das Euro Clearing, wenn dafür 20 000 Jobs abwandern, wäre das schon viel. Der Großteil der Geschäfte, die am Finanzplatz London abgewickelt werden, betrifft nicht Europa, sondern den Rest der Welt. Insofern ist der Zugang zum Binnenmarkt nicht so entscheidend.

ZEIT: Warum sind viele Politiker nicht so gelassen?

King: Das liegt daran, dass sie die ökonomischen Zusammenhänge nicht verstehen. Der Brexit war von Anfang an eine Glaubensfrage. Die einen bejubeln ihn als Beginn einer goldenen Ära, die anderen warnen vor dem unaufhaltsamen Niedergang. Beides ist falsch. Meine Prognose ist, dass die wirtschaftlichen Folgen gering ausfallen werden, wenn die Politik es nicht vermasselt.