DIE ZEIT: Politiker und Boulevardmedien warnen vor einem neuen Flüchtlingsansturm. Wird der Brenner bald geschlossen, wiederholen sich die Bilder aus dem Jahr 2015 an Österreichs Grenzen?

Belachew Gebrewold: Nein, ich gehe davon aus, dass es dazu nicht kommen wird. Die Situation heute ist eine völlig andere. Vor zwei Jahren kamen die meisten Flüchtlinge nicht aus Afrika, sondern aus Kriegs- und Konfliktregionen wie Afghanistan oder Syrien. In Afrika gibt es zwar viele instabile Staaten, aber der Zustand ist nicht vergleichbar mit dem in Syrien vor drei Jahren, es machen sich bei Weitem nicht so viele Menschen auf den Weg. Und über das Mittelmeer können gar nicht so viele kommen wie damals über die Balkanroute – sie war leichter zu bewältigen.

ZEIT: Dennoch sind die Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, das Wahlkampfthema in Österreich. Die ÖVP fordert Auffanglager in Nordafrika, auch die SPÖ ist für Registrierungszentren.

Gebrewold: Natürlich kann man mit Ländern wie Algerien oder Ägypten verhandeln, um dort Schutzzentren zu bauen. Aber es wird nicht freiwillig passieren, dass viele dort Schutz suchen.

ZEIT: Neos-Chef Matthias Strolz schlug zuletzt vor, genau dort Land zu pachten, um Registrierzentren aufzubauen ...

Gebrewold: ... diese Länder sind nur Transitländer auf der Route nach Europa, und die führt über Libyen. Deshalb muss mit Libyen verhandelt werden, auch wenn das extrem schwierig ist.

ZEIT: Zentren in Libyen, ernsthaft?

Gebrewold: Schutzzentren sind dort natürlich heikel. Es ist nicht nur ein komplett zerfallener Staat, sondern auch ein gefährlicher Ort für Flüchtlinge. Warlords und Milizenführer nützen die Migranten aus, foltern und berauben sie. Es gibt mindestens zwei Regierungen, die miteinander nicht können, die offizielle ist machtloser als die andere. Aber es ist keine Lösung, nichts zu tun.

ZEIT: Mit wem soll oder kann man dort sprechen?

Gebrewold: Man muss mit beiden, der offiziellen Regierung und mit General Haftar, der den libyschen Osten kontrolliert, so weit wie möglich verhandeln, um Schutzzonen aufbauen zu können.

ZEIT: Europa scheint sich derzeit auf die libysche Seezone zu konzentrieren: Italien schickt Kriegsschiffe, der Export von Schlauchbooten wurde beschränkt, die libysche Küstenwache soll aufgerüstet werden. Lässt sich die Mittelmeerroute damit schließen, wie ÖVP-Kanzlerkandidat Sebastian Kurz fordert?

Gebrewold: Man darf die humanitäre Verpflichtung nicht vergessen, Leben zu retten, aber ja: Die Militärpräsenz im Mittelmeer kann eine Wirkung haben. Die Schmuggler werden reagieren, wenn ihr Geschäft nicht mehr so klappt wie bisher. Aber die militärische Verstärkung ist keine langfristige Lösung. Denn viele, egal ob vom Krieg Vertriebene oder junge Männer, die eine bessere Zukunft suchen, werden sich weiterhin auf den Weg nach Europa machen. Deshalb muss man sich viel stärker mit den Herkunftsregionen auseinandersetzen.

ZEIT: Der überwiegende Teil der afrikanischen Migranten kommt nicht aus Kriegsregionen und hat kaum eine Chance auf Asyl in Europa. Trotzdem bezahlen diese Menschen oft Zehntausende Euro für ein aussichtsloses Unterfangen.

Gebrewold: Die Leute wissen nach wie vor nicht, dass sie keine Chance haben. Man geht davon aus, wenn ich nach Europa komme, werde ich ein besseres Leben bekommen. Und weil sehr wenige zurückgeführt werden, spricht sich die Realität kaum herum.

ZEIT: Die Rückführungen scheitern auch an der Kooperationsbereitschaft der Herkunftsländer. Was läuft schief in den Verhandlungen?

Gebrewold: Einerseits wissen die afrikanischen Partner, dass sich die Europäer untereinander nicht einigen können. Auf der anderen Seite sind viele Konflikt- und Armutsursachen von den Europäern mitverschuldet, zum Beispiel durch den Klimawandel und die globale Wirtschaftsordnung. Der Westen ist natürlich nicht für alles verantwortlich, dennoch spürt er jetzt eine Folge in Form von Migration nach Europa. Zugleich finden nicht nur afrikanische Staats- und Regierungschefs, sondern auch wissenschaftliche Kollegen: Ihr in Europa übertreibt.

ZEIT: Europa übertreibt?

Gebrewold: 82 Prozent der Flüchtlinge und Vertriebenen bleiben in Afrika, nur zwölf Prozent migrieren nach Europa. So dramatisch ist das doch nicht, lautet die Argumentation der afrikanischen Kollegen. Und man darf nicht vergessen: Afrika hat durch Auswanderer weniger zu verlieren als scheinbar zu gewinnen.

ZEIT: Wie das?

Gebrewold: In Ländern wie Liberia besteht rund 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus Geldern, die von Migranten zurückgeschickt werden, in Marokko immerhin sieben Prozent. Das ist lukrativ, daher sieht man auch nicht die dringende Notwendigkeit, Migration zu verhindern.

ZEIT: Nun heißt es, auf Herkunftsländer müsse Druck ausgeübt werden. Sebastian Kurz brachte eine Kürzung der Entwicklungshilfegelder ins Spiel.

Gebrewold: Angenommen, die österreichische Entwicklungshilfe wäre größer als die zurückfließenden Gelder von den Auslandsbürgern, dann könnte diese Drohung etwas bewirken.

ZEIT: Das Budget für Entwicklungszusammenarbeit soll bis 2021 auf 154 Millionen Euro verdoppelt werden.

Gebrewold: Das ist sicher nicht genug, als dass die Herkunftsländer eingeschüchtert wären und ihre Staatsbürger deswegen im Land behalten wollen würden. Außerdem spielt China heute wirtschaftlich eine viel wichtigere Rolle für afrikanische Länder als Europa. 2015 hatte China fast 136 Milliarden Euro Handelsvolumen mit afrikanischen Ländern. Großbritannien, Italien, Deutschland und Frankreich zusammen bringen es nur auf etwa 138 Milliarden Euro.

ZEIT: Was haben diese Investitionen mit Migration zu tun?

Gebrewold: Für viele afrikanische Staaten gilt die Kooperation mit China oder arabischen Ländern, die keine humanitären oder demokratiebezogenen Bedingungen stellen, längst als bessere Alternative zu komplizierten Verhandlungen mit und Abhängigkeiten von europäischen Staaten. Zugleich geht für die europäische Wirtschaft viel Potenzial verloren. Da könnte Österreich etwas tun – nicht nur aus Nächstenliebe, auch im eigenen Interesse.