Er blickt ein letztes Mal auf die Anzeigetafel des Internationalen Flughafens von Kuala Lumpur: AirAsia-Flug Nummer 182 aus Malaysias Hauptstadt in die chinesische Sonderverwaltungszone Macao scheint pünktlich zu starten. Es ist 8.55 Uhr am Morgen des 13. Februar 2017 und schon viel los in Terminal 2. Hunderte Reisende schlendern durch die Andenkengeschäfte, decken sich mit Snacks ein, warten auf ihren Abflug. Inmitten der Menge steht er, ein massiger Mann in einem hellblauen Anzug. Unter den Augen der Überwachungskameras drückt er einen schwarzen Rucksack an sich und macht sich auf zu seinem Gate. Der Fremde, stellt sich später heraus, besitzt einen Diplomatenpass, auf der Passagierliste wird er als Kim Chol geführt. Es ist nicht sein richtiger Name.

Plötzlich passiert etwas Merkwürdiges. Zwei junge Frauen in leichter Sommerkleidung stürzen sich auf den Mann. Die eine reibt ihm blitzschnell eine Flüssigkeit ins Gesicht, die andere drückt ihm fast zeitgleich von hinten ein feuchtes Tuch auf die Augen. Verblüfft bleibt er stehen. Unterdessen geben die zwei Angreiferinnen ein Daumen-hoch-Zeichen an vier Männer in grauen Businessanzügen, mit denen sie vorher in einem nahen Flughafencafé gesessen hatten. Anschließend laufen beide in unterschiedliche Richtungen zu den nächstgelegenen Toiletten, wo sie sich die Hände waschen. Lächelnd verlassen sie die Abflughalle, jede für sich.

Die Herren in Grau haben es weniger eilig. Aufmerksam beobachten sie das weitere Geschehen. Sehen, wie der Attackierte einige Flughafenangestellte anspricht, die ihn zur Erste-Hilfe-Station bringen, wo er auf eine Trage gelegt wird. Die vier sind offensichtlich überzeugt, dass niemand sie in nächster Zeit festnehmen wird. Sie sind auf eine Maschine nach Jakarta gebucht, die erst um zwölf Uhr mittags geht und von dort aus weiter nach Pjöngjang, in die Volksrepublik Korea. Kurz vor der letzten Sicherheitsschleuse erfassen die Überwachungskameras einen hochrangigen Mitarbeiter der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur, der die vier Männer verabschiedet.

In der Krankenstation des Terminals erkennt man schnell, dass es ernst ist. Der Mann, der sich Kim Chol nennt, wird zu einem eilig angeforderten Notarztwagen gebracht. Nach Aussagen der Sanitäter stöhnt er: "Hilfe ... Gift ... schlimme Schmerzen." Als er im Hospital ankommt, können die Mediziner nichts mehr für ihn tun. Kaum zwanzig Minuten nach der Attacke am Flughafen ist der Fremde tot.

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Nachdem erste Fotos des mysteriösen Verbrechens veröffentlicht sind, kommt ein Verdacht auf, der durch einen DNA-Vergleich zur Gewissheit wird: Bei dem Opfer handelt es sich um Kim Jong Nam, 45, den älteren Bruder des nordkoreanischen Diktators. Den Mann, der einst als Präsident in Pjöngjang vorgesehen war, sich dann mit der Familie überwarf und als Exilant durch Südostasien zog. Obwohl Kim Jong Nam keine Macht mehr hatte, blieb er in den Augen seines Bruders Kim Jong Un, 33, immer eine Gefahr. Er hätte eine Alternative sein können zu dem Herrscher, der mit brutaler Politik sein Volk tyrannisiert und mit seinem aggressiven Atomwaffenprogramm und mit immer weiterreichenden Raketen die Welt in Atem hält.

Drei Tage nach dem Mord am Flughafen sind die Täterinnen dank der Videoaufnahmen identifiziert und aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung an unterschiedlichen Plätzen in Kuala Lumpur festgenommen worden. Die Indonesierin Siti Aisyah, 25, und die Vietnamesin Doan Thi Huong, 29, geben sich völlig überrascht. Sie leugnen nicht, am Flughafen gewesen zu sein. Aber bei ihrer Aktion habe es sich doch nur um einen Scherz gehandelt, um einen kurzen Dreh für die malaysische Ausgabe der Fernsehsendung Verstehen Sie Spaß?. Beide geben an, ihr Flughafen-Opfer nicht gekannt zu haben. Bei der Polizei zeigen sie sich über die tödlichen Folgen ihres Streichs am Boden zerstört, so steht es im Vernehmungsprotokoll.

Bei der Autopsie findet man im Gesicht des Leichnams Reste von VX, einem international geächteten chemischen Kampfstoff, über den das nordkoreanische Militär den Vereinten Nationen zufolge "in riesigen Mengen" verfügt. Schon der Kontakt mit wenigen Milligramm VX endet tödlich. Das Gift entsteht erst durch das Mischen zweier unterschiedlicher, weniger gefährlicher Substanzen – vermutlich haben die beiden Frauen überlebt, weil sie diese dem Opfer getrennt verabreichten.

Als das Video vom Flughafen ausgewertet ist, beschuldigt die malaysische Regierung Nordkorea des Mordes. Doch das Kim-Regime leugnet jede Beteiligung und spricht von einem internationalen, gegen Pjöngjang gerichteten Komplott. Beide Regierungen wollen einen Abbruch der Beziehungen vermeiden, Malaysia begnügt sich damit, die meisten der in Kuala Lumpur stationierten nordkoreanischen Diplomaten auszuweisen. Der Leichnam Kim Jong Nams wird nach Pjöngjang überführt. Ob er dort verscharrt, verbrannt oder für die Regierenden zur Schau gestellt wird – das Volk erfährt darüber so wenig wie der Rest der Welt.