Dem Bautzner Kornmarkt traut niemand mehr. Täglich, selbst an diesem heiteren, ruhigen Sommernachmittag, parkt ein Streifenwagen auf dem Pflaster, drei Polizisten haben die Lage im Blick. Alles ruhig gerade. Ein bisschen Frieden. Aber Frieden ist auf Bautzens Kornmarkt, das weiß man inzwischen, nichts, das ewig währt.

Vor fast einem Jahr ist dieser Platz, den die Einheimischen einfach "Platte" nennen, in der ganzen Republik bekannt geworden. Rechtsextreme hatten damals Flüchtlinge durch die Stadt gejagt. Linke waren dazugekommen und hatten wiederum die Rechten ins Visier genommen. Irgendwann kam auch die Polizei, die kaum den Überblick behielt, ihn kaum behalten konnte. Über viele Nächte zogen sich die Unruhen. Bautzen schien die nächste typisch ostdeutsche Eskalation zu sein: Sachsen, Kleinstadt, Nazis. Das war ein Teil der Wahrheit, aber eben nur ein Teil. In Bautzen zeigte sich auch, welche Probleme es geben kann, wenn teils schwer integrierbare Flüchtlinge in einer Stadt landen, deren Bewohner skeptisch und überfordert sind mit der Lage – und in der es eine starke rechtsextreme Szene gibt.

Jetzt, einen Sommer später, kehren die Schlagzeilen zurück. Erneut klebt diese Frage an der Stadt: Warum kommt Bautzen nicht zur Ruhe? Was ist faul an diesem Ort? An den vergangenen Wochenenden gab es wieder Krach, einmal waren zwei Dutzend Menschen verwickelt, nicht wenige davon sehr betrunken. Wieder attackierten sich in der Dunkelheit Flüchtlinge und Deutsche. Diesmal steht sogar die Polizei im Zentrum der Kritik. Es kursieren Aufnahmen und Zeugenaussagen, die jeweils nahelegen, dass Polizisten einen festgenommenen Asylbewerber unter anderem als "Wichser" beschimpft, ihm mit "deutscher Härte" gedroht hätten. Der festgenommene Mann, Mohamed T., Anfang 20, ein Flüchtling aus Libyen, sorgte am kommenden Tag dann seinerseits für Aufregung, weil er, inzwischen wieder auf freiem Fuß, plötzlich auf dem Dach der Asylunterkunft "Green Park" stand. Er war mit einem Messer bewaffnet und kündigte an, sich vom Dach zu stürzen. Das gesamte Heim geriet in Aufruhr. Ein Flüchtling aus Marokko drohte nun ebenfalls, aus einem Fenster zu springen. Ein Sudanese wurde in der Nähe mit einem Messer aufgegriffen. Das SEK rückte an. Eine Verhandlungsgruppe des Landeskriminalamts überzeugte Mohamed T., vom Dach zu steigen. Plötzlich lief er mit seinem Messer auf die Beamten zu. Mit einem Elektroschocker wurde er niedergestreckt, dann vorübergehend in eine psychiatrische Anstalt gebracht.

So eine Nacht ist selbst für Bautzener Verhältnisse drastisch. Ein Ausnahmezustand. Viele Menschen reagieren gereizt. Es kursieren mehrere Versionen von ein und derselben Geschichte. Sind die Flüchtlinge Opfer oder Täter? Ist der Asylbewerber Mohamed T., mit dem man nicht selbst sprechen kann, ein "Rädelsführer", ein "Mehrfachintensivtäter", wie ihn die Behörden nennen? Oder "einer der nettesten Menschen", wie ihn Flüchtlingshelfer beschreiben? In jedem Fall war er bei den Unruhen 2016 auch schon involviert.

Die andere Frage: Wie groß ist das Rechtsextremismus-Problem im Inneren? Und wie beantwortet man solche Fragen, wenn nicht einmal die Polizei unbefangen antworten kann – weil sie selbst Akteur geworden ist in dieser unendlichen Geschichte?

Eigentlich, sagt André Schäfer, Sprecher der zuständigen Görlitzer Polizeidirektion, sei es monatelang ruhig gewesen. Fast immer ist eine Streife vor Ort, vor allem abends. Das habe Wirkung gezeigt. "Bis zu dieser Geschichte, die nun wieder aus dem Ruder gelaufen ist." Wer daran wie beteiligt war, werde ermittelt. In den vergangenen Monaten habe er nie nur eine Seite aggressiv erlebt. "Die Personen, die uns rund um den Kornmarkt immer wieder durch Straftaten auffallen, sind sowohl Deutsche als auch Flüchtlinge", sagt er.